Erfahrungsberichte

Gewalt am hochsensiblen Kind – Ich habe heute noch Flashbacks.

Herr S. war schon als Kind hochsensibel. Das ist eine Art Filterschwäche des Gehirns. Emotionen, Geräusche und vieles Mehr wird dadurch viel deutlicher gespürt. Herr S. berichtet über die Gewalt, die er in seiner Kindheit erfahren hat und ihre Auswirkung auf den Umgang mit seinen zwei Kindern. 

 

Hallo. Heute möchte ich euch meine Geschichte erzählen, geprägt von Gewalt, fehlender Liebe und späterem Selbsthass bis hin zur post traumatischen Belastungsstörung. Ich bin großer Bruder und inzwischen Vater. Und ich bin hochsensibel, schon seit meiner Kindheit. Ich ertrage volle Busse und Züge nur in dem ich mich komplett abschirme mit Hilfe von Musik und Etwas zu lesen. Ansonsten habe ich das Gefühl mich überrollen die Emotionen der Anderen.

 

Kinder als Störfaktor

Abends wollten meine Eltern ihre Ruhe haben. Wir, mein kleiner Bruder und ich, wurden immer zu einer fixen Zeit ins Bett gebracht. Egal ob wir müde waren, oder nicht. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir im Bett zu bleiben. Nur aufstehen um zur Toilette zu gehen war erlaubt. Ich fühlte mich nicht ernst genommen und ungeliebt. Wie es mir, wie es uns dabei ging interessierte niemanden. Und so lag ich oft Stunden lang nachts wach im Bett. Und je länger ich lag desto mehr dachte ich nach. Mit der Zeit entwickelte sich so eine  ernsthafte Einschlafstörung.

 

Gewalt

Gewalt war bald an der Tagesordnung. Zumindest in verbaler oder psychischer Form. Eins habe ich in meiner Kindheit ganz sicher schnell gelernt und das war, dass ich es eh nur falsch machen konnte. Verbale Attacken wie unfähig und nutzlos ich bin reihten sich an Strafen, wie zum Beispiel ohne Abendessen ins Bett geschickt zu werden, weil ein Glas versehentlich umgeschmissen wurde. Dabei wurden wir nicht selten grob am Arm gepackt und bis zur  Treppe gezerrt.

Unser Vater hat uns, nicht täglich und ne vielleicht nicht mal wöchentlich, auch übers Knie gelegt. Mit Hand oder Hausschuh bekamen wir den Hintern versohlt. Manchmal mit Kleidung, manchmal würde die Hose extra runter gezogen. Oft habe ich mich vor meinen Bruder gestellt um ihn zu schützen. Nicht immer hat es geklappt. Aber oft. Diese körperliche Gewalt war wie ein Ventil, so hatte ich das Gefühl. War erst mal genug der Aggression raus, war alles wieder gut. Ich fühlte mich wie ein lebendiger Boxsack, geschlagen um Wut raus zu lassen. Unsere Mutter blieb immer ungerührt sitzen. Weder wurde Partei für uns ergriffen, noch jemalsk mit darüber gesprochen. Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich eines Tages die erste und letzte Backpfeife von ihr bekam. Es war der wohl schlimmste “Klaps” unter all den Schlägen. Denn er nahm mir auch die Letzte Bezugsperson.

 

Alles zu viel

Mein Gehirn verknüpfte Wut und Fehler mit körperlichen Schmerzen. Durch meine hochsensibilität merkte ich im Alltag, egal ob in der Schule oder im Umgang mit Freunden, sofort wenn jemand sauer war oder ich die Erwartungen nicht erfüllte. Was ausblieb waren die körperlichen Schmerzen. Ich konnte nicht damit umgehen und begann diese selbst zu erzeugen. Ich fiel mit Absicht Treppen runter, strangulierte mich bis zum Erbrechen mit Schnürsenkeln oder verbrannte mich. Konnte ich am Abend nicht schlafen strafte ich mich selbst in dem ich meinen Kopf erst mit meinen Fäusten und später gegen die Wand schlug.

In unserem Haus war eine sehr alte Holztreppe. Wenn unser Vater sie wütend hoch lief um uns übers Knie zu legen, klang das immer gleich. Bin ich heute in Häusern zu Besuch mit einer ähnlichen Treppen und jemand läuft diese energisch hoch leider ich unter Flashbacks, beginne zu Zittern und verfalle in eine Starre.

Aufgehört hat die Gewalt, als ich im Teenager alter damit drohte zur Polizei zu gehen. Die Folgen werden mich aber mein Leben lang begleiten.

Gewalt schadet immer

 

Folgen für die eigene Familie

Inzwischen bin ich selbst Vater. Ich habe zwei Kinder. Und mir war immer klar, dass ich sie anders behandeln möchte. Wie viel Kraft das kostet merke ich aber nun jeden Tag. Wie mit mir in bestimmten Situationen umgegangen wurde hat mich so tief geprägt, dass ich selbst auch immer versucht bin so zu handeln. Ich schäme mich dafür meine Kinder schon als doof oder nutzlos beschimpft zu haben und mindestes ein Mal pro Woche muss ich den Raum verlassen weil ich den Drang habe die Hand zu erheben.

Die Schatten meiner Kindheit verfolgen mich noch heute und werden es wohl für immer. Und ich hoffe nur jeden Tag aufs neue, dass ich niemals die Beherrschung und Kontrolle über mich und eben diese Schatten verliere. Das könnte ich mir nie verzeihen ich hasse mich selbst für die Gedanken schon so sehr.

 

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