Familie

Zwischen Selbstaufgabe und Selbstbestrafung- warum wir es uns selber nicht recht machen können.

Wir Mamas, wir Eltern, wollen das Beste für unsere Kinder. Beinahe jeder von uns, das ist es doch, was uns aus macht. Und genau deshalb schaffen wir es nicht, dass wir mir uns selbst zufrieden sind. Denn das Beste, was wir schaffen zu geben. Ist dann eben doch nicht gut genug. Nicht wenn es um unsere Kinder geht… oder vielleicht grundsätzlich nicht?

 

Du bist genug …

Hand hoch wer von euch diese Aussage, so oder so ähnlich aus seiner Kindheit und Jugend kennt. – Ich möchte nicht anmaßend sein, aber ich bin mir sicher, die Anzahl der erhobenen Hände ist gering. Woran liegt das?

Der Wunsch, dass Kinder das Beste bekommen, oder erreichen können ist nicht selten mit einem enormen Erfolgsdruck gekoppelt. Auch unsere Eltern wollten nur das Beste für uns. Aber grade deshalb haben wir gelernt, dass es immer noch höher, schneller und besser gehen muss. Wir wurden direkt, oder indirekt angetrieben immer mehr Leistung ab zu rufen. Und diese Erwartungshaltung hat sich so tief in uns verwurzelt. Sie überträgt sich auf das Bild was wir von uns selbst haben und so verlieren sich einige von uns schon im Job in Burn out und co, während Andere an der Elternrolle, an der Mutterrolle verzweifeln.

Stress

 

Selbstaufgabe – die Entfernung vom Glück

“Kinder bedürfnis- und bindungsorientiert begleiten, das sogenannte Attachment parenting führt dazu, das Mütter sich selbst vernachlässigen.“ – So oder so ähnlich klang eine reißerische Aussage in einem Blogartikel vor nicht all zu langer Zeit.

Bullshit. Sage ich. Das einzige, was zu dieser Vernachlässigung, dieser Selbstaufgabe führt ist der der „Erfolgsdruck“. Es ist so. Sobald wir unsere eigenen Bedürfnisse achten und uns um uns selbst kümmern, haben wir ein schlechtes Gewissen. Sich eine Auszeit zu gönnen, sich Gutes zu tun, dass ist in unseren Köpfen zu wenig Leistungsorientiert. SO können wir unseren Kindern nicht das Beste geben, denn wir sind ja nicht da, oder kümmern uns nicht ausreichend. Und so bekommen wir das Gefühl es geht nur eins… sich selbst achten und pflegen, oder eben dsd Beste für das Kind geben. So gerät das Leben in Schieflage und wir entfernen uns immer mehr von dem Gefühl glücklich zu sein, in dem wir uns immer mehr selbst aufgeben.

 

Der Schein trügt

Um das Beste für unsere Kinder geben zu können, müssen wir aber eben vor allem eins sein. Glücklich und ausgeglichen. Alles andere führt zu nichts. Zumindest zu nichts Gutem. Mit der Ausgebranntheit liegen die Nerven blank. Wir reagieren gereizt, auf Kleinigkeiten. Mit der Ausgebranntheit kommt die Gefühlskälte. „Ist mir doch egal“, oder „Mach doch was du willst“ sind in etwa so weit von bedürfnisorientierter Begleitung entfernt, wie sein Sonne vom Mond. Es ist eben nicht Laisser-faire , es ist eben nicht egal. Die Beziehung ist das Band, was unser Miteinander trägt und wir sollte es nicht kappen.

Gönn dir was.

Tu dir Gutes.

Nimm dir Auszeiten und sammle Kraft, lade die Akkus auf.

Auszeit für Mama

Viele Wege führen nach Rom … und zum Glück.

Mütter, oder besser Eltern sind auch Menschen. Und die sind bekanntlich verschieden. Es ist absolut individuell wie viel „me-Time“ nötig ist um ausgeglichen zu sein.  Während einer unbedingt wieder zurück in den Job möchte und dafür die Nachmittage mit Kind dann hoch qualitativ nutzt, reicht anderen ein Abend in der Woche, wo der Partner die Kinder ins Bett bringt.

Egal welches euer Weg ist, solange er für alle Begeiligten passt und ihr glücklich damit seid, ist er gut und richtig.

Niemand MUSS 24/7 mit dem Kind zusammen sein um eine gute Mutter zu sein. Gleichzeitig ist sind Bedürfnisse ab zu wägen. Was erlaubt grade noch etwas Aufschub, was muss sofort gestillt werden. Die Bedürfnisse von Babys dulden in der Regel wenig bis keinen Aufschub. Aber auch hier können durch Hilfe von Papa und anderen Bezugspersonen kleine Auszeiten geschaffen werden.

Je älter die Kinder werden, desto öfter können auch die eigenen Bedürfnisse wieder Vorrang haben. Natürlich so, dass weiter in Beziehung gegangen und Kommuniziert wird.

Alles hat seine Zeit.

 

Und wenn der Karren an die Wand gefahren ist?

Wenn wir dann doch mal uns vergessen und in der Konsequenz das Kind schlecht behandelt haben? – Dann hilft weder Selbstmitleid, noch das verharmlosen oder rechtfertigen. Und auch die Selbstbestrafung , in die wir doch all zu gern fallen (auch dadurch würden wir geprägt) ist eher destruktiv. Dann hilft nur die Ehrlichkeit sich selbst und dem Kind.

Hey das war echt nicht in Ordnung von mir, es tut mir leid.

Vorleben, dass auch mal was in die Hose geht und Entschuldigungen keine Schande sein. Und so dann schwups, doch schon wieder das Beste fürs Kind und seine Zukunft  geben.

Erfahrungsberichte

Gewalt und Bloßstellung im Kindergarten in der DDR

Leen von Aufbruch zum Umdenken schreibt über ihre Kindergartenzeit in der DDR. Geprägt von Bloßstellung und psychischer Gewalt. In dem Artikel Auch ein Ost deutsches Kind hat ein Recht auf gewaltfreie Begleitung berichtet sie auf ihrem Blog außerdem davon, wie sie in ihrem Umfeld auch heute noch mit Gewalt in der Erziehung konfrontiert wird. 

 

Gewalt im Kindergarten
www.aufbruch-zum-umdenken.de

Kinderbetreuung in der DDR

Wie haben wir unsere eigene Kindergartenzeit erlebt? Ich habe auch schöne Erinnerungen, aber leider auch sehr einprägsame, die ich heute, mit meinem Wissen, schrecklich finde.

Ich bin 32 Jahre alt und war ein Kind, welches in Ostdeutschland in den Kindergarten ging.

Meine Mama brachte mich mit einem halben Jahr eine Woche in die Krippe, bis ein neues Gesetz kam und Lehrer*innen ihre Kinder doch ein Jahr zuhause lassen durften. Sie sagte mir, dass ich jeden Morgen weinte und sie auch, während sie mit der Schwalbe zur Schule fuhr. Sie höre mich bis vor die Tür schreien. Wir weinten also beide. Eingewöhnt wurde ich, aber leider wohl zu kurz.

Jedenfalls war ich dort eine Woche und dann durfte ich doch noch ein halbes Jahr bei meiner Mama bleiben.

Sie selbst wurde mit 8 Wochen in die Krippe gebracht. Wir reden oft darüber, meine Mama und ich. Ihr könnt euch vorstellen, dass es keine Gespräche der größten Freuden sind.

Im Kindergarten war ich nicht gern.

Nun gut! Ich war also ein Kind, dass die letzten DDR-Jahre im Kindergarten verbrachte mit einer Oma, die selbständig war und von zuhause aus arbeitete. Also war Ich viel bei ihr, wenn ihre Zeit es zuließ. Ich sah ihr zu, wenn sie schneiderte und sortierte Köpfe nach Farben oder brachte mir das zählen bei. Und Ich liebte diese Knöpfe, das Schneidern von ihr und die Menschen, die jeden Tag in ihre Stube kamen. Ich hatte dadurch guten Kontakt zu vielen Menschen im Dorf.

In der Kita war ich nicht gern. Ich habe noch so einige Erinnerungen an diese Zeit. Wie gesagt, es gab auch gute Erinnerungen, aber die schlechten tuen bis heute weh.

Ich erinnere mich auch an die jungen und lieben Kindergärtnerinnen, aber diese waren irgendwie nicht bei mir. Heute weiß ich warum, denn ihre Kinder sind so alt wie ich und sie waren einfach auch in ihren Elternzeiten. Meine Schwester ist jünger als ich und wurde von diesen Frauen begleitet und hat ganz wunderschöne Erinnerungen an ihre Kindergärtnerinnen. Diese sind auch jetzt noch vor Ort tätig und haben das Herz definitiv am rechten Fleck. Es ist jetzt ein richtig schöner Kindergarten.

An mir wurde ein Exempel statuiert

Ich hatte damals leider eine biestige Kindergärtnerin im mittleren Alter. Sie war herrisch und in meiner Erinnerung lachte sie nie. Ich habe mir so oft gewünscht, dass Oma Erika mich abholt und wir zusammen den Tag verbringen. Mittagskind wollte ich immer sein. Meine Oma hat Kinder niemals angeschrien oder war böse zu ihnen. Als ich erwachsen war sagte sie mir: „Man darf Kinder niemals anschreien, denn das verkraften ihre Seelen nicht so gut.“

Zurück zur Kita. Die biestige Frau verpasste mir jedenfalls ein ordentliches Trauma. Ich erinnere mich oft und gut an diese Situation. Ich redete als Kind schon gern und viel und hatte es oft schwer, in den Mittagsschlaf zu finden. Um an mir ein Exempel zu statuieren, musste ich, weil ich redete, in der Mittagsschlafzeit barfuß auf dem Steinboden neben meinem Bett stehen, während mich die gesamte Kindergruppe ansah oder um mich herum einschlief. Diese Situation hat sich in meinen Kopf gebrannt. Aufessen musste ich auch immer, gemaßregelt wurde ich und an eine liebevolle Begleitung erinnere ich mich nicht. Ich bin sehr sensibel und mich vor z.B. anderen vorzuführen oder das Übertreten meiner persönlichen Grenzen zu erzwingen, ist eine Qual für mich. Ich mag es respektvoll und achtsam und das schon als Kind.

Meine Schwester aß als Kind sehr langsam. Sie musste bei einer Kindergärtnerin immer sitzen bleiben, bis sie alles aufgegessen hatte. Ich musste dann an ihr vorbei gehen, um in den Waschraum (ich glaube es war der Waschraum) zu gelangen, während sie allein am Tisch saß und saß und saß, bis ihr Teller leer war (als erzieherische Methode vermute ich mal). Am liebsten hätte ich sie hochgezogen und mitgenommen, doch das traute ich mir nicht. Mein schlechtes Gewissen war aber riesengroß, dass ich meiner kleinen Schwester nicht geholfen habe. Kleine Soldaten und Soldatinnen heranziehen, die massenkonform sind und spuren, wenn z.B. Erwachsene reden, das konnte die DDR.

Ich sage aus eigener Erfahrung – doch es hat geschadet

Aber auch andere Kinder hatten es schwer. Wir hatten ein Kind in der Gruppe, welches im Schlaf seine Ausscheidungen nicht kontrollieren konnte. Statt dieses Kind zu integrieren, wurde es vor der gesamten Gruppe vorgeführt. Es wurde laut vor dem Kind gesagt, dass wenn man in der Mittagszeit nicht ruhig sei, dass man dann neben diesem Kind schlafen musste. Sauber gemacht wurde das Kind in meiner Erinnerung dann auch nicht, sondern erst, wenn wir alle wieder aufstanden. Mir tat das damals schon unendlich leid, aber ich hatte nicht den Mut etwas zu sagen. Niemand wollte mit diesem Kind spielen oder daneben schlafen. Oft hat der Raum dann gerochen, wenn Mittagsschlafzeit war. Das ist einfach nur furchtbar. Die Kindergärtnerinnen haben das Kind als Druckmittel genutzt, damit wir über die Mittagsschlafzeit ruhig waren.

Wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, kullern mir Tränen über die Wangen, weil mir das alles so leid tut. Fütterungen, Bloßstellungen, Maßregelungen, Misshandlungen – Machtausübungen an Kindern – Macht des Gehorsams!

Wenn ich heute Menschen sagen höre „Das hat uns auch nicht geschadet“ oder „Ein Klaps ist kein Schlag.“ oder „Iss auf, so lange du deine Füße unter diesem Tisch hast.“, dann kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es schadet. Es schadet sogar sehr. Mir persönlich hat schon die Bloßstellung gereicht, um emotional angegriffen zu sein und mich mein Leben lang damit herumzuschlagen. Wie muss sich nur dieses arme Kind gefühlt haben, was konsequent misshandelt und gedemütigt wurde?

Wir haben 2018. Es ist mir ein Anliegen, euch davon zu erzählen, denn ich möchte von Herzen, dass unseren Kindern solche Dinge nicht mehr passieren. Das wünsche ich mir wirklich sehr. Jede*r Erwachsene hat die Pflicht unsere Kinder zu schützen! Unsere Gesellschaft hat umgedacht und muss weiter umdenken, damit unsere Kinder gewaltfrei aufwachsen dürfen.

Ein passendes Lied

Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füsse, mit so kleinen Zeh’n.
Darf man nie drauf treten, könn‘ sie sonst nicht geh’n.

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles seh’n.
Darf man nie verbinden, könn’n sie nichts versteh’n.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei.

Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat, hab’n wir schon zuviel.

(Bettina Wegner, 1976, Liedermacherin in der DDR Das Lied findet ihr in diesem Link)

Eure Leen

Danke Mama, dass du dich für mich eingesetzt hast und zu der Kindergärtnerin gegangen bist, nachdem ich es dir erzählt hatte. Danke, dass du dich als „brave DDR-Bürgerin“ getraut hast. Danach war mit dem Bettstehen Schluss. Du hast dich für meine Rechte stark gemacht und das ist bis heute sehr wichtig für mich. Ich hab dich lieb

Erfahrungsberichte

Gewalt am hochsensiblen Kind – Ich habe heute noch Flashbacks.

Herr S. war schon als Kind hochsensibel. Das ist eine Art Filterschwäche des Gehirns. Emotionen, Geräusche und vieles Mehr wird dadurch viel deutlicher gespürt. Herr S. berichtet über die Gewalt, die er in seiner Kindheit erfahren hat und ihre Auswirkung auf den Umgang mit seinen zwei Kindern. 

 

Hallo. Heute möchte ich euch meine Geschichte erzählen, geprägt von Gewalt, fehlender Liebe und späterem Selbsthass bis hin zur post traumatischen Belastungsstörung. Ich bin großer Bruder und inzwischen Vater. Und ich bin hochsensibel, schon seit meiner Kindheit. Ich ertrage volle Busse und Züge nur in dem ich mich komplett abschirme mit Hilfe von Musik und Etwas zu lesen. Ansonsten habe ich das Gefühl mich überrollen die Emotionen der Anderen.

 

Kinder als Störfaktor

Abends wollten meine Eltern ihre Ruhe haben. Wir, mein kleiner Bruder und ich, wurden immer zu einer fixen Zeit ins Bett gebracht. Egal ob wir müde waren, oder nicht. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir im Bett zu bleiben. Nur aufstehen um zur Toilette zu gehen war erlaubt. Ich fühlte mich nicht ernst genommen und ungeliebt. Wie es mir, wie es uns dabei ging interessierte niemanden. Und so lag ich oft Stunden lang nachts wach im Bett. Und je länger ich lag desto mehr dachte ich nach. Mit der Zeit entwickelte sich so eine  ernsthafte Einschlafstörung.

 

Gewalt

Gewalt war bald an der Tagesordnung. Zumindest in verbaler oder psychischer Form. Eins habe ich in meiner Kindheit ganz sicher schnell gelernt und das war, dass ich es eh nur falsch machen konnte. Verbale Attacken wie unfähig und nutzlos ich bin reihten sich an Strafen, wie zum Beispiel ohne Abendessen ins Bett geschickt zu werden, weil ein Glas versehentlich umgeschmissen wurde. Dabei wurden wir nicht selten grob am Arm gepackt und bis zur  Treppe gezerrt.

Unser Vater hat uns, nicht täglich und ne vielleicht nicht mal wöchentlich, auch übers Knie gelegt. Mit Hand oder Hausschuh bekamen wir den Hintern versohlt. Manchmal mit Kleidung, manchmal würde die Hose extra runter gezogen. Oft habe ich mich vor meinen Bruder gestellt um ihn zu schützen. Nicht immer hat es geklappt. Aber oft. Diese körperliche Gewalt war wie ein Ventil, so hatte ich das Gefühl. War erst mal genug der Aggression raus, war alles wieder gut. Ich fühlte mich wie ein lebendiger Boxsack, geschlagen um Wut raus zu lassen. Unsere Mutter blieb immer ungerührt sitzen. Weder wurde Partei für uns ergriffen, noch jemalsk mit darüber gesprochen. Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich eines Tages die erste und letzte Backpfeife von ihr bekam. Es war der wohl schlimmste “Klaps” unter all den Schlägen. Denn er nahm mir auch die Letzte Bezugsperson.

 

Alles zu viel

Mein Gehirn verknüpfte Wut und Fehler mit körperlichen Schmerzen. Durch meine hochsensibilität merkte ich im Alltag, egal ob in der Schule oder im Umgang mit Freunden, sofort wenn jemand sauer war oder ich die Erwartungen nicht erfüllte. Was ausblieb waren die körperlichen Schmerzen. Ich konnte nicht damit umgehen und begann diese selbst zu erzeugen. Ich fiel mit Absicht Treppen runter, strangulierte mich bis zum Erbrechen mit Schnürsenkeln oder verbrannte mich. Konnte ich am Abend nicht schlafen strafte ich mich selbst in dem ich meinen Kopf erst mit meinen Fäusten und später gegen die Wand schlug.

In unserem Haus war eine sehr alte Holztreppe. Wenn unser Vater sie wütend hoch lief um uns übers Knie zu legen, klang das immer gleich. Bin ich heute in Häusern zu Besuch mit einer ähnlichen Treppen und jemand läuft diese energisch hoch leider ich unter Flashbacks, beginne zu Zittern und verfalle in eine Starre.

Aufgehört hat die Gewalt, als ich im Teenager alter damit drohte zur Polizei zu gehen. Die Folgen werden mich aber mein Leben lang begleiten.

Gewalt schadet immer

 

Folgen für die eigene Familie

Inzwischen bin ich selbst Vater. Ich habe zwei Kinder. Und mir war immer klar, dass ich sie anders behandeln möchte. Wie viel Kraft das kostet merke ich aber nun jeden Tag. Wie mit mir in bestimmten Situationen umgegangen wurde hat mich so tief geprägt, dass ich selbst auch immer versucht bin so zu handeln. Ich schäme mich dafür meine Kinder schon als doof oder nutzlos beschimpft zu haben und mindestes ein Mal pro Woche muss ich den Raum verlassen weil ich den Drang habe die Hand zu erheben.

Die Schatten meiner Kindheit verfolgen mich noch heute und werden es wohl für immer. Und ich hoffe nur jeden Tag aufs neue, dass ich niemals die Beherrschung und Kontrolle über mich und eben diese Schatten verliere. Das könnte ich mir nie verzeihen ich hasse mich selbst für die Gedanken schon so sehr.

 

Erfahrungsberichte

Bis heute fühle ich mich nicht gut genug!

Die Rabenmutti berichtet offen, ehrlich und authentisch über die erlebte Gewalt in ihrer Kindheit. „Bis heute fühle ich mich nicht gut genug“ sagt sie selbst über die Folgen und Auswirkung.

Vor Kurzem hat irgendein Promi zugegeben das eigene Kind zu schlagen. Der Fall sorgte für große Wellen im Netz, sodass sogar das Radio fragt, ob es in Ordnung sei, Kindern einen Klaps zu geben. Als ich das las, habe ich mich gefragt, was mit den Menschen nicht stimmt. Sie hätten ebenso fragen können: Ist es in Ordnung Hundewelpen mit einer Rasierklinge den Hals aufzuschneiden. Jeder normale denkende Mensch würde sofort „Nein!“ rufen. Andernfalls ist er ein Psychopath. Das Gleiche gilt für die Klaps-Frage. SO dachte ich jedenfalls.

Allerdings sollten mich die sozialen Medien eins besseren belehren: „Mir hat´s ja auch nicht geschadet“ klang es da aus allen Ecken. Schlimmer: Manche Eltern gaben zu, just in diesem Moment Gewalt angewandt zu haben. Sie haben damit geprahlt. Waren stolz! Stolz darauf, einem Schutzbefohlenen Wesen, aufgrund ihrer körperlichen Fähigkeit Einhalt geboten zu haben. Das ist in etwa so geil, wie ein Babykätzchen gegen die Wand zu schmeißen, weil es in die Ecke gepinkelt hat. Kann man aufgrund der körperlichen Überlegenheit machen, ist aber Scheiße.

Angst, Druck, Selbstzweifel ein Leben lang

Ich bin eines dieser Kinder, dass geschlagen wurde: Mit der Hand, dem Gürtel, dem Hausschuh, dem Kochlöffel. Zu spät nach Hause gekommen? Geschlagen. Wiederworte gegeben? Geschlagen. Immer, wenn meine Mutter nicht weiter wusste, gab es Schläge. Wenn die Argumente ausgingen, wenn sie schwach und hilflos war.

Ich erinnere mich an Situationen, da kam ich glücklich nach Hause, voller Vorfreude, einer inneren Wärme. Dann sah ich ihren vorwurfsvollen Blick und bekam plötzlich große Angst. Mir war klar, dass es wieder Schläge geben würde. Mein Körper fing an zu zittern, mir wurde eiskalt ein Schwindel überkam mich. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Der Puls stieg ins Unermessliche. – Jeder Schlag brannte sich in meine Haut.

Haben die Schläge mich davon abgehalten Verbotenes zu tun? Die Welt auf meine Art zu erkunden? Oder einfach nur die Zeit zu vergessen? Nein. Sie haben mich aber gelehrt zu funktionieren, wenn meine Mutter es wollte. Mich zu bemühen in ihren Augen alles richtig zu machen. Es baute einen enormen Druck auf mich auf! Ein Druck der mich zwang, entgegen meines Naturell zu handeln, mich zu verstellen und mich selbst als Menschen zu verlieren.

 

Ich verstehe die Motivation

Sie war Alleinerziehende. Hatte kaum Unterstützung. Heute verstehe ich ihre Motivation – kann sie aber keinesfalls gutheißen. Als Kind verstand ich nichts. Ich weiß nur, dass ich mich schlecht fühlte. Ich war ein schlechtes Kind. Manchmal, wollte ich wegrennen. Zu meinem Vater ziehen, der uns nie schlug. Manchmal, da wollte ich nicht mehr leben. Ich fühlte mich nicht gut genug, um zu leben. Dieses Gefühl ist tief in mir verankert. Bis heute fühle ich mich NICHT GUT GENUG.

Meine Mutter hat sich nicht einmal für die Gewalt entschuldigt. Nicht einmal erklärt, wie es dazu kam. Ja, auch ich schreie Mal. Auch in mir entsteht der Impuls zuzuschlagen. Natürlich triggern mich manche Situationen und mein inneres Kind schreit laut um Hilfe. Schlägt wild um sich. Aber ich versuche diese Impulse zu unterdrücken oder im Ernstfall zu erklären, dass ich gerade richtig falsch gehandelt habe. Dass es nicht in Ordnung war. Dass ICH hier das Problem bin und nicht mein Kind.

Mein Kind soll niemals denken, es sei nicht gut genug. Es soll niemals denken, es wird nicht geliebt. So habe ich mich jahrelang gefühlt. Ungeliebt, allein, nicht gut genug.
Ich habe jahrelang funktioniert, nicht gelebt

Weitergemacht habe ich nur in Rolle der großen Schwester. Erst habe ich meinen 15 Monate jüngeren Bruder beschützt. Später nahm ich die Ersatzmutter-Rolle für die Nachzügler ein. Immer als Beschützerin. Bis ich nicht mehr konnte und aufgrund körperlicher und emotionaler Gewalt mit 15 ausgezogen bin. Zum Selbstschutz. Weil ich das erste Mal in meinem Leben spürbar geliebt wurde und mein Leben sich anfühlte, als sei es doch etwas wert.

Dennoch hat sich das Gefühl wertlos zu sein, bis heute gehalten. Trotz Abitur, dachte ich, ich sei dumm und zu nichts zu gebrauchen. Im Studium habe ich trotz guter Noten an mir gezweifelt, immer das Haar in der Suppe gesucht. In der Beziehung habe ich Fehler gesucht und verursacht – nur, um mir selbst zu beweisen, dass ich schlecht bin. Nicht gut genug. Für Liebe, geliebt zu werden.

 

Außen hui, Innen pfui

Seht ihr mich von außen, seht ihr eine junge Mutter, die ihre Kinder liebt. Ich werde meist als ruhig und gelassen beschrieben. Ich habe ein sehr gutes Studium, leiste hervorragende Arbeit und habe einen gutaussehenden, liebevollen Ehemann und Vater geheiratet. Von außen, da bin ich völlig normal. Da hat mir die Erziehung nicht geschadet. Von außen, denkt meine Mutter auch, sie habe gute Arbeit geleistet. „Aus mir sei etwas geworden“.

Aber im Inneren, da bin ich kaputt. Ich kämpfe jeden Tag. Jeden Tag wird es ein bisschen besser. Jeden Tag kann ich mich ein bisschen besser leiden, besser akzeptieren. Aber es gibt auch immer wieder Tage, da falle ich in das Loch zurück. Sobald ich getriggert werde, fühle ich mich wieder wertlos. Frage mich, ob es denn noch Sinn macht auf der Erde zu wandeln. Frage mich, ob mich jemand vermissen würde. Das sieht man von Außen alles nicht.

Bin ich jetzt schwach, weil ich meine Kindheit bis ins Hier und Jetzt k? Weil ich zweifle und versage? Nein! Ich bin stark, weil ich dagegen ankämpfe. Ich bin stark, weil ich andere Wege suche, Konflikte zu lösen. Ich bin stark, weil ich Impulse unterdrücke, in andere Bahnen leiten möchte. Ich bin stark, weil ich an mir selbst scheitere und neue Wege suche, aus dem Teufelskreis herauszukommen. Und ich bin stark, weil ich meinem Kind keine Gewalt antun möchte. Weil ich nach Wegen suche, mein Kind mit Liebe aufzuziehen.

 

Beweist wahre Stärke und hört auf zu Schlagen!

Allen Eltern, die sich gut damit fühlen, ihr Kind zu schlagen. Die sich stark fühlen, dass sie ihr Kind damit in die Schranken weißen, dass sie ihnen Gewalt antun möchte ich sagen: Ihr seid schwach. Schwach, die Gefühle eurer Kinder auszuhalten. Zu schwach, um zuzugeben, dass es zu viel ist.

Es ist keinesfalls schwach, zu sagen, dass man nicht mehr kann. Es ist nicht schwach sich Hilfe zu suchen oder Rat. Einfach zuzuschlagen, um die körperliche Kraft zu nutzen, das ist aber sehr wohl schwach! Es ist schwach, den Kindern zu signalisieren, dass Gewalt in Ordnung ist. Es ist NICHT in Ordnung. NIE! Auch ein „Klaps“ nicht. In dem Moment, indem ihr euren Kindern einen Klaps gebt, signalisiert ihr Schwäche, nicht Stärke.

Gegen Gewalt - Erfahrungsbericht

Erfahrungsberichte

Ich habe mich gefühlt wie ein Fehler. Ungewollt und ungeliebt!

Frau F. ist heute selbst Mutter. Ihr Kind ist noch ein Baby und welche Verhaltensmuster aus der eigenen Erziehung so tief verankert sind, dass sie immer wieder „hoch kommen“ wird sich noch zeigen. Sie berichtet hier zum ersten Mal öffentlich über die Gewalt in ihrer Kindheit und darüber, wie ungewollt und ungeliebt sie sich deshalb gefühlt hat.

 

BL: Danke für deine Bereitschaft, über deine Erfahrungen zu sprechen. Das ist sicher nicht leicht. Redest/schreibst du heute zum ersten Mal darüber?
 Frau F:Nein, ich habe darüber für mich selbst geschrieben und mit meiner besten Freundin wage darüber geredet und mit meinem Partner.

BL: Fragen die du nicht beantworten kannst oder möchtest darfst du natürlich einfach unkommentiert stehen lassen. Das Interview ab zu brechen steht dir jeder Zeit frei wenn du dich nicht mehr gut fühlst!
In welcher Form hast du in deiner Kindheit Gewalt erfahren?
Frau F.:Verschiedenes, mal war es nur ein Schlag mit der flachen Hand, mal mit der Faust, mal fliegende Gegenstände, oder Strangulation. Allerdings spielte psychische Gewalt auch eine große Rolle.

BL: Wie alt warst du da – und wann war Schluss ?
Frau F.: Ich glaube das erste Mal war ich noch ziemlich jung. Ich erinnere mich aber nicht mehr an ein Alter. Meine Kindheit und Jugend ist weitestgehend ausgelöscht, das Gehirn ist schon faszinierend. Ich denke mit 7 rum müsste es gewesen sein, ich weiß, dass es ein Tag vor meinem eigentlich geplanten Kindergeburtstag war. Schluss war als ich 16 1/2 war.

BL: Woran lag es, dass dann keine Gewalt mehr angewendet wurde, weist du das ?
Frau F.: Ich bin aus meinem Elternhaus ausgezogen.

BL: Wie hast du dich Gefühlt während der gewaltvollen Zeit? Was hatte das unmittelbar für Auswirkungen auf dein Verhalten?
 Frau F: Ich hab mich gefühlt wie ein Fehler, ungewollt, ungeliebt.. ich hab mich immer mehr verschlossen. Ich hab mir die Schuld dafür gegeben. Ich kann nichts richtig machen, ich bin es nicht wert. Sätze die ich mir selber tag täglich jahrelang sagte, weil ich es so einfach auch dachte. Ich würde selber wütend und aggressiv, nicht Anderen gegenüber, aber mir selbst.

BL: Wie ging es in deiner Jugend weiter – was hatten deine Erfahrungen für Folgen?
 Frau F. : Ich habe irgendwie glaube ich, auch wenn sich das komisch anhört, aber dadurch das ich mich als weniger wertvoll oder liebenswert gehalten habe, das auch immer angezogen. Ich wurde gemobbt und vor den Augen meiner Freunde von deren Freunden verprügelt. Und lauter solcher Situationen. Ich habe Depressionen bekommen. Wobei das in ziemlich jungem Alter schon begonnen hat.

BL: Begleiten dich jetzt als Erwachsener noch Probleme, die auf die erlebte Gewalt zurückzuführen sind?
Frau F. : Ja sehr, manchmal wenn ich in einem Konflikt bin werde ich so wütend, dass ich auch unbedingt Gewalt anwenden will. Ich kann mich aber zum Glück gut kontrollieren!

BL: War/Ist aufgrund dieser Folgen eine Therapie nötig ?
 Frau F.:Hatte ich, ob es nur deswegen war kann ich aber nicht genau sagen. Ich habe das nie alles miteinander verknüpft. Obwohl es evtl schon Sinn machen würde, da die psychischen Probleme erst nach den ersten Übergriffen anfingen.

BL: Wenn du Kinder hast, welche Schwierigkeiten hast du im Umgang mit Situationen in denen du selbst als Kind Gewalt erlebt hast?
Frau F.: Bis jetzt noch keine, dafür ist mein Baby noch zu jung.

BL: Wie ist heute sein Verhältnis zu deinen Eltern/ Großeltern? (Den Personen die dir Gewalt angetan haben)
 Frau F. : Manchmal schlechter, manchmal besser. Im Großen und Ganzen gut. Ich muss dazu sagen, dass ich bis heute das nie offen kommuniziert habe wie sehr es mich verletzt hat. Auch wenn es nicht tagtäglich vorkam, manchmal waren Monate dazwischen. Ich denke es tut meinen Eltern leid, ich denke sie wollten das auch nicht. Aber geredet haben wir nie.

BL: Vielen Dank für deine Offenheit und deine Stärke. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Lebensweg.

Folgen von Gewalt in der Kindheit