Die Gewalt hörte erst auf, als Sie den Kontakt abbrach- Interview

Frau H. im Interview über ihre Gewalt geprägte Kindheit, ihre Folgen und ihr Mutter sein.

Interview

BL: Danke für deine Bereitschaft, über deine Erfahrungen zu spreche. Das ist sicher nicht leicht. Redest/Schreibst du heute zum ersten Mal darüber?
Frau H: Ich befinde mich nun seit fast 3 Jahren in Therapie, in der dieses Thema immer wieder aufgearbeitet wird. Bisher hab ich allerdings noch nie solch ein Interview dazu beantwortet.

BL: Fragen die du nicht beantworten kannst oder möchtest, darfst du natürlich einfach unkommentiert stehen lassen. Das Interview ab zu brechen, steht dir jeder Zeit frei wenn du dich nicht mehr gut fühlst!
In welcher Form hast du in deiner Kindheit Gewalt erfahren?
Frau H: Ich musste körperliche und seelische Gewalt ertragen.

BL: Wie alt warst du da – und wann war Schluss ?
Frau H: Ich kann mich nicht genau erinnern, wann es angefangen hat. Im Nachhinein denke ich meine Eltern haben mich von Anfang an so behandelt. Angehört hat es erst als ich mit 18 ausgezogen bin und mich selbst versorgen konnte.

BL: Woran lag es, dass dann keine Gewalt mehr angewendet wurde, weist du das ?
Frau H: Ich habe den Kontakt erst eingeschränkt (was aber auch nicht wirklich geholfen hat) und dann nach nochmal 3 Jahren ging ich den Schritt des völligen Kontakt Abbruchs, bis heute.

BL: Wie hast du dich Gefühlt während der Gewalt vollen Zeit? Was hatte das unmittelbar für Auswirkungen auf dein Verhalten?
Frau H : Ich habe mich hilflos und verlassen gefühlt. Das wünsche ich niemanden. Ich war ein sehr zurückhaltendes, schüchternes und verletzliches Mädchen. Ich habe mich so gut wie gar nichts getraut aus Angst etwas falsch zu machen und wieder Gewalt erfahren zu müssen.

BL: Wie ging es in deiner Jugend weiter – was hatten deine Erfahrungen für Folgen?
Frau H: Ich hatte immer noch starke Probleme mich irgendwo einzufügen oder meine Meinung zu sagen. Schüchtern und unterdrückt.

BL: Begleiten dich jetzt als erwachsener noch Probleme, die auf die erlebte Gewalt zurück zu führen sind?
Frau H: Ich habe sehr oft noch Alpträume von dem Geschehenen. Wenn mich etwas triggert dann kann es passieren, dass ich in einer Dissoziation* gefangen bin.

BL: War/Ist aufgrund dieser Folgen eine Therapie nötig ?
Frau H: Ja. Ansonsten wüsste ich nicht, wie ich damit umgehen soll und bin wahnsinnig froh eine sehr verständnisvolle Psychologin zu haben.

BL: Wenn du Kinder hast, welche Schwierigkeiten hast du im Umgang mit Situationen in denen du selbst als Kind Gewalt erlebt hast?
Frau H: Ich mache bei meinen Kindern das komplette Gegenteil von dem, was meine Eltern im Umgang mit mir gemacht haben. Gewalt wird es hier nicht geben! Die einzige Schwierigkeit für mich sind die schlimmen Erinnerungen, an die ich manchmal noch erinnert werde. Dabei hilft mir die Therapie sehr.

BL: Wie ist heute sein Verhältnis zu deinen Eltern/ Großeltern? (Den Personen die dir Gewalt angetan haben)
Frau H: Ich habe seit 2,5 Jahren den Kontakt komplett abgebrochen.

BL: Vielen Dank für deine Offenheit und deine Stärke. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Lebensweg.

Aktiv gegen Gewalt an Kindern

 

* Dissoziation = teilweise bis vollständiges Auseinanderfallen von normalerweise zusammenhängenden Funktionen der Wahrnehmung, des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Motorik ( Weiterführend )