Ägste fressen Seelen auf

Vor ein oder zwei Wochen gab es im Tatort eine Aussage, die ich auch auf die Erziehung um den Umgang mit unseren Kindern bezogen so passend fand, dass ich sie mir unbedingt merken musste. Es geht um Ängste:

“Es ist ein mal ein Schiff havariert, Hilfe zu rufen war nicht möglich und so blieb der Besatzung nur die Wahl, mit Booten den weiten (viel zu weiten) Weg zum Festland an zu treten oder sich auf eine nicht so weit entfernte Insel zu retten, von der man sich allerdings erzählte, dass dort Kannibalen leben. Die Besatzung entscheid sich aufgrund ihrer Angst davor für den weiten, weiten Weg zum Festland. Diesen Weg überlebten nur wenige. Und die jenigen, die überlebt haben, schafften es nur in dem sie selbst zu Kannibalen geworden waren.”

Diese kleine Anekdote erinnerte mich sofort an unsere Gesellschaft. Denn genau das ist es, was so oft passiert im Umgang mit Kindern.
Wenn wir unsere Kinder nicht (Er-)Ziehen, nicht formen, nach unserem Bild dann, so erzählt man sich, kann aus ihnen nichts werden.
Dann werden sie verweichlicht, ungezogen, nicht gesellschaftsfähig, faul, nicht empathisch (and so on).
Das alles sind dinge sie man sich erzählt, seit Generationen, die geglaubt werden, einfach so. Denn sein wir mal ehrlich, wer von uns oder den Menschen um uns herum kennt wirklich solche Kinder, oder heute Erwachsenen die ohne (er-)ziehen und formen groß geworden sind? Ohne Strafen, ohne Erpressung und ohne Angst, in gelebter bedingungsloser Liebe?
– Richtig, kaum jemand! Und wenn sich doch jemand findet und von den positiven Ergebnissen dieser Haltung und Beziehung den Kindern gegenüber berichtet, dann sind das ja die Ausnahmefälle, bei denen es eben MAL gut ging.

Wir, oder zumindest so viele von uns Eltern treten sie nicht an, die Reise auf die Insel von der sich ERZÄHLT wird, dass es dort furchtbar ist.

Viel lieber wird der Weg gegangen, der bekannt ist, der zurück zum Festland, der der Erziehung, des Formens, der Strafen. Ganz gleich, ob wir uns inzwischen dank Entwicklungspsychologischer Erkenntnisse herleiten können, dass Strafen schaden anrichten. Ganz gleich ob wir vielfach in unserem Umkreis, unserer Gesellschaft die psychischen Schäden sehen oder selbst fühlen können.

Und warum ist das so ?

– Weil wir, um wahrzunehmen was dieses alt hergebrachte Verhalten bewirkt und bewirkt hat, dort hingucken müssen wo es weh tut. Weil wir unsere inneren „Schäden“ unsere „Wunden“ sehen und ergründen müssen. Niemand sagt, dass das leicht ist! Aber wollen wir deswegen unseren Kindern und eventuell Kindes Kindern (usw.) das selbe zumuten? Wollen wir, dass zwar ein paar Menschen vermeintlich ohne „schaden“ durchs leben kommen (im Bezug zur Anekdote überleben) wobei doch viele verwundete Seelen zurück bleiben (im Bezug sterben). Und die, die schaden frei durch kommen dies eben nur tun, weil sie eben doch nicht empathisch, doch nicht weltoffen usw. sind, wie wir es uns doch eigentlich für sie gewünscht haben (sie, im Bezug, eben doch so selbst zu Kannibalen wurden).

– Weil wir Angst haben, vor dem unbekannten.
Meine Oma sagt immer: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ , und das ist wie wir leben, in so vielen fällen.
Unsere Ängste fressen uns auf, beschneiden uns in unserer Freiheit und unserem Entscheidungsspielraum.
Ich möchte nicht das MEINE ÄNGSTE auch SEINE ÄNGSTE werden.

Ich möchte mich nicht von meinen Ängsten leiten und auffressen lassen.

Sondern möchte mein Kind stark machen, stark für sich selbst und für die Welt die da draußen wartet.
Und das tue ich nicht in dem ich ihn untergrabe, abhärte und im kleinen Demonstriere wie hart und ungerecht es zu geht.
Nein!

Das tue ich, in dem ich ihn stärke, in bedingungslos liebe, seine Bedürfnisse befriedige, ihn ernst nehme und so den Rücken stärke, dass er trotz aller Härte in der Lage ist immer er selbst zu sein.
Und vielleicht, wenn viele ihre Ängste überwinden, es anders machen, haben wir in einigen Jahren eine andere Welt. Eine die nicht so hart, unfair und unsozial ist.
Aber wisst ihr, es ist wie mit dem Klimawandel, wenn sich alle denken. ’na mein bisschen bringt ja eh nichts,“ dann wird sich nie etwas tun.