Heute bin ich eine Frau mit wenig Selbstbewusstsein…

Bei mir hat sich Melanie* gemeldet um ihre Erfahrungen im Bezug auf Gewalt in der Erziehung mit uns zu teilen. Melanie* ist 34 Jahre alt, Mutter und Ehefrau. Sie trägt noch heute schwer an der Last aus ihrer Kindheit.

 

Ich bin das älteste von drei Kindern.
Meine beiden Schwestern sind 30 und 28 Jahre alt. Unsere Mittlere ist ein Pflegekind. Sie kam mit 3 Monaten in unsere Familie. Kurz darauf wurde meine Mutter mit meiner kleinen Schwester schwanger.

 

Überfordert mit 3 Kindern

Ich erinnere mich zurück, dass meine Mutter immer ungeduldiger und ungehaltener wurde, als meine kleinste Schwester zur Welt kam.
Unsere Pflegetochter war nicht gerade „einfach“, weinte viel, machte viel Blödsinn und das Baby weinte noch mehr und hatte schlimme Koliken.
Mein Vater ist Lokführer, immer viel am arbeiten und viel auf Schicht.
Wir mussten tagsüber immer leise sein, damit Papa genug Schlaf bekommt.
Meine Mutter war schnell überfordert mit der ganzen Situation. In dem Monat, als die Kleine zur Welt kam, wurde ich eingeschult. Meine Mutter war schnell ungeduldig beim Hausaufgaben machen, schlug mir auf die Finger, packte mich grob am Arm, zerrte mich zurück an den Küchentisch, wenn ich lieber spielen wollte. Hatte ich mal keine Lust auf meine Schwestern aufzupassen, bekam ich den Hintern versohlt.
So fing es ganz langsam an und wurde immer mehr.
Ich bekam im Vorbeigehen Schläge auf den Hinterkopf.
Hab ich den Lichtschalter zu laut betätigt oder das Glas zu laut abgestellt, wurde ich ins Zimmer gesperrt.
War ich zu frech, bekam ich eine Backpfeife, so dass man alle fünf Finger im Gesicht gesehen hat.
Manchmal musste ich tagelang in meinem Zimmer bleiben und durfte nur zur Schule gehen.
Kam ich mit einer in ihren Augen schlechten Note nach Hause, wurde ich angeschrien, geschüttelt, getreten und ins Gesicht geschlagen.
Mein Vater behauptet bis heute, er habe das alles nicht mitbekommen und er kann sich das nicht vorstellen. Ich bin ja eh sensibel und steigere mich schnell in alles hinein. Er wisse zwar, dass meine Mutter sehr aufbrausend iat und auch zu Depressionen neigt, aber schlagen würde sie nie.

Meine kleine Schwestern hat sie auch zum Glück nie angefasst. An meine Pflegeschwester wäre sie niemals gegangen und die Jüngste ist bis heute ihr ein und alles.

Ein „ich liebe dich“ habe ich nie gehört, stattdessen wurde sie handgreiflich

 

Lange Zeit habe ich meine traurige Kindheit verdrängt

Ich hatte eine traurige Kindheit, was mir aber erst so richtig bewusst geworden ist, als ich selbst Mutter geworden bin.
Ich wusste, dass ich niemals so werden will wie meine Mutter.
Ich hab bis heute wenig Selbstvertrauen. Wenig Selbstbewusstsein.
Ein Arzt hat mir mal vor 15 Jahren gesagt, ich sei hochsensibel und sollte dringend mal ne Therapie machen, um meine Kindheit zu verarbeiten.
Mit 6 Jahren habe ich kreisrunden Haarausfall bekommen, der phasenweise so schlimm ist, dass ich kaum Haare habe. Ich denke, dass der kreisrunde Haarausfall durch die Gewalt meine Mutter ausgelöst wurde. Als ich 6 war kam meine jüngste Schwester auf die Welt, die Überforderung und Gewalt meiner Mutter begann und somit auch der Verlust der Haare.

 

Als Teenie auf Abwegen

Als Teenie drohte ich auf die schiefe Bahn zu geraten. Ich bin zwar immer zur Schule gegangen, hatte auch immer gute Noten. Schließlich hatte ich viel zu viel Angst davor, mit einer schlechten Note nach Hause zu kommen.
Aber ich rauchte früh meine erste Zigarette und trank früh mein erstes Bier.
Aus dem ersten Bier wurde mit 14 der erste Vollrausch und aus der ersten Zigarette wurde schnell der erste Joint.

Ich schlich mich nachts raus um durch Kneipen zu ziehen. Ich hatte Freunde, die schon volljährig waren und so viel es niemandem auf, dass ich gerade mal 14 war.

 

Vom Partner aufgefangen

Zum Glück lernte ich genau in dieser Zeit meinen Mann kennen.
Er war schon 18, hatte ein Auto, ein liebevolles Elternhaus und er ist die vernünftigste Person, die ich kenne.

Er nahm mich mit zu sich nach Hause.
Dort hatte er eine kleine Einliegerwohnung im Haus seiner Eltern.
Und ich fühle mich sofort Zuhause. Geborgen. Hier gab es ein Familienleben.
Ich verbrachte die 6 Wochen Sommerferien hier, ohne dass meine Eltern auch nur einmal nach mir gefragt haben.
Die Wochenenden nach dem Sommer verbrachte ich immer hier und wollte am liebsten gar nicht weg.
Dann war ich mit 15, knapp 16, fertig mit der Realschule und wechselte aufs Gymnasium, um mein Abitur zu machen.
Am Tag meines Abschlusses der Realschule fuhr ich gemeinsam mit meinem Mann zu meinen Eltern, wir holten meine Anziehsachen und ich zog komplett bei meinem Mann ein.
Ich machte mein Abitur, fing anschließend eine Ausbildung an, machte den Führerschein, kaufte mir ein Auto und besuchte hin und wieder meine Eltern.
Aber irgendwann konnte ich einfach nicht mehr hinfahren. Und brach den Kontakt ab.
5 Jahre hatten wir keinen Kontakt.

 


Die Schwangerschaft schweißt wieder zusammen -vorerst 

Dann wurde ich schwanger und meine Mutter war ganz aus dem Häuschen.
Schließlich war Mia* das erste Enkelkind.
In der Schwangerschaft hat sie sich sehr um mich gekümmert.
Dann kam Mia* zur Welt und war ein Schreibaby. 16 Monate hat sie 16 Stunden am Stück geschrien. Was natürlich meine Schuld war. Wir mussten ja unbedingt in der Schwangerschaft noch am Haus anbauen (Thomas* Eltern haben uns beiden das Haus überschrieben, als wir heirateten. Wir haben noch ca. 120 Quadratmeter angebaut und leben hier gemeinsam mit den Schwiegereltern).
Der Anbau wäre Schuld daran, dass ich Stress hatte, vorzeitige Wehen und dass Mia* zu früh auf die Welt kam.
Was totaler Quatsch ist, weil wir alles von Handwerkern haben machen lassen und Mia* kam zu früh zur Welt, weil ich eine Schwangerschaftsvergiftung hatte.

Und so zog sich das immer weiter.
Mia* hatte mit 14 Monaten ihren ersten Schnupfen – ich hab das Kind nicht ordentlich genug angezogen.

Mia* bekam mit 2 Jahren vom Orthopäden Einlagen – ich hab nicht darauf geachtet, dass mit ihrem Fuß was nicht stimmt.

Ich könnte diese Auflistung ewig weiter führen.

 

Besuch beim Arzt öffnet die Augen

Als Mia* als Baby so schlimm geweint hat, suchte ich das erste Mal Dr. Spittank in Dortmund (heute Münster) auf.
Dr. Spittank ist Humanmediziner, Mia* war 3 Monate alt, ich hatte ne schlimme Depression und zur Unterstützung meine Mutter im Schlepptau.
Dr. Spittank behandelte Mia*, redete mir gut zu und schickte meine Mutter raus.
Als meine Mutter zähneknirschend die Tür hinter sich schloss, sagte er folgenden Satz zu mir: „Sie haben ein tolles Kind. Zwar ein Schreikind – das kommt vor und ich begleite sie dabei.
Sie sind eine tolle Mutter. Sie machen das alles sehr sehr gut.
Aber tun sie sich selbst den Gefallen und distanzieren sie sich von ihrer eigenen Mutter. Sie werden sonst niemals glücklich.“

Dieses Gespräch hat mich sehr beschäftigt.
Im Dezember 2017 musste ich wieder an dieses Gespräch denken, als meine Mutter mich wieder „fertig gemacht“ hat.
Sie schrie mich ohne Grund wie eine Furie an und da wusste ich – jetzt oder nie.
Ich muss den Kontakt abbrechen oder ich geh daran kaputt.
Wenn sie könnte, hätte sie mich nicht nur angeschrien, sondern mich auch geschlagen. Aber sie weiß mittlerweile, dass ich mir das nicht mehr gefallen lasse. Sie hat Angst, dass sie Mia* nicht mehr sehen darf.

Denn ihr Enkelkind liebt sie über alles.
Ihr würde sie nie was tun.
Mia* darf alles bei ihr und bekommt auch alles von ihr.
Mit Mia* wird gespielt, gekuschelt, gebastelt, gekocht, gelesen.
All diese Dinge durfte ich nie mit ihr erleben.
Meine Mutter hat mir nie gesagt, dass sie mich liebt. Diesen Satz habe ich nie von ihr gehört.

Kein liebes Wort, keine Zuneigung - nur Gewalt

Kontaktabbruch – aber nicht auf Kosten der kleinen

Auf jeden Fall musste ich im Dezember 2017 den Kontakt komplett auf Eis legen.
Im Mai 2018 fing Mia* an zu quängeln. Sie wollte unbedingt zu ihren Großeltern.
Da hab ich meine Mutter angerufen. Und hab Mia* hingebracht. Und abends wieder abgeholt.
Das machen wir 1x in der Woche so.
Mia* liebt meine Eltern wirklich sehr und meine Eltern vergöttern sie.
Sie soll darunter nicht leiden.

Mir fällt es nicht schwer, sie dorthin zu bringen, weil ich weiß, dass meine Mutter versucht, bei Mia* alles anders zu machen. Ob bewusst oder unbewusst – das weiß ich nicht.

 

Was mir heute bleibt

Heute bin ich eine Frau mit wenig Selbstbewusstsein. Ich zweifel ständig an mir und trau mir nie was zu.
Ich hab fast nie Haare auf dem Kopf und bin oft traurig.

Aber ich habe ein unfassbar tolles Kind, einen liebevollen Ehemann, wunderbare Schwiegereltern, ein wunderschönes Haus mit tollem Garten.
Und dafür bin ich sehr dankbar.

Und ich sage meinem Kind jeden Tag wie toll sie ist, wie schön es mit ihr ist und dass ich sie sehr liebe.

Ach so. Zu meinen Schwestern habe ich keinen Kontakt mehr.
Das Pflegekind ist mit 18 ausgezogen und hat den Kontakt zu uns allen abgebrochen.
Und zur Jüngsten habe ich seit 2 Jahren keinen Kontakt mehr. Sie hat einen unerfüllten Kinderwunsch und kommt nicht damit klar, dass wir mit Mia* so glücklich sind.
Mittlerweile ist auch ihre Ehe daran gescheitert und sie ist wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen.
Kontakt zu mir und meiner Familie möchte sie nicht haben.

 

* Namen sind frei erfunden um die Anonymität zu wahren.

 

 

 

 

 

 

 

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