Hilfe! – Beißen, hauen, Haareziehen: ist mein Kind ein Tyrann?

„Kinder machen nie etwas gegen jemanden, sondern stets nur für sich selbst“ , so stand es vor einiger Zeit auf meinem Abreißkalender von Jesper Juul.

Diese Aussage ist, was das Zusammenleben mit unseren Kindern betrifft so wichtig, dass ich überlegt habe, sie mir im Großformat in den Flur zu hängen. Denn es ist unsere Sicht auf die Handlungen unserer Kinder die sie in unseren Augen zu etwas gutem oder etwas schlechtem werden lässt.
Verändern wir unsere Sicht, unseren Standpunkt, dann wird die ganze Handlung in ein anderes Licht gerückt.

Beißen, hauen, spucken- warum?

Wenn unser Kleinkind also haut, schubst, beißt oder an den Haaren zieht, dann müssen wir den Standpunkt, dass unser Kind uns etwas Böses will oder uns verletzen will (was dann auch Aggression von unserer Seite hervorruft) verlassen. Viel mehr ist es an uns dann die Situation zu hinterfragen. (Wir erinnern – Kinder tun nichts gegen jemanden, sondern nur für sich.)
Und zu überprüfen was der Auslöser der Handlung ist und was unser Kind damit erreichen möchte. Um dann dieses Bedürfnis wahrnehmen und befriedigen zu können. An dieser Stelle gibt es keine immer geltende Regel, die mit auf den Weg gegeben werden kann, welche Reaktion immer die richtige ist. Immer richtig ist nur individuell zu gucken. Und dann zu entscheiden. Sowie auf das Kind zu achten und es nicht zu strafen oder zu ignorieren .

Ich möchte zwei Beispiele nennen um euch einen kleinen Einblick zu geben. Das eine betrifft mich selbst und den kleinen Bären. Das Andere ist etwas, was ich immer wieder an verschiedensten Orten beobachtet habe. Starten möchte ich mit dem allgemeinen Beispiel.

Alltäglichs  Überforderung

Eine Familie ist unterwegs. In einer Situation stoßen sie auf eine Grenze, die das Kleinkind in seinen Wünschen oder Bedürfnissen einschränkt. Das Kleinkind möchte zum Beispiel ein Spielzeug im Laden haben, welches aufgrund des Preises für den Eltern nicht mal eben leistbar ist. Dies wird erklärt, das Kleinkind ist verständlicherweise sehr traurig, aufgelöst und weint oder meckert. Für die Eltern ist das Thema mit der Erklärung „nein das ist zu teuer “ abgeharkt, sie wollen weiter gehen. Das Kleinkind aber ist noch völlig in der Situation gefangen und reagiert damit, dass es einen Elternteil haut. Eventuell noch mit dem Kommentar :“Blöde/r Mama/Papa“. Bei den Eltern kommt an ‚mein Kind haut mich, weil es böse auf mich ist, dass ich ihm das nicht kaufe‘ (es tut etwas gegen mich). Verändert man die Perspektive, wird deutlich, dass Kind haut, weil es Aufmerksamkeit, Trost und Verständnis der Eltern benötigt (es tut etwas für sich). Wenn es offensichtlich nicht ausreicht seine Trauer mit Weinen oder schreien deutlich zu machen, dann muss das Kleinkind eben andere Mittel finden, die die Aufmerksamkeit der Eltern erhaschen, so dass diese nicht einfach weiter gehen und weiter machen als wäre nichts passiert.

Während die Situation aus erwachsenen Sicht eher eine Lapalie ist, kann für ein Kleinkind damit eine kleine Welt zusammenbrechen, dass es ein Spielzeug nicht bekommen kann.

Das andere Beispiel:

Mangelnde Ausdrucksmöglichkeit

Als der Bär etwa ein Jahr alt war, fing er an mir während ich auf dem Bett lag, auf der Erde saß oder sonst wo immer wieder an den Haaren zu ziehen. Auch mein erster Impuls war es, das als eine Handlung gegen mich zu werten. Allerdings habe ich diese Idee schnell verworfen und es unter „er findet es einfach spannend zu sehen was passiert “ abgetan. Was schon mal dafür sorgte, dass ich grundsätzlich keine Aggressionen entwickelt habe. Allerdings war auch das nicht des Rätsels Lösung.

Erst durch genaueres Beachten meines Verhaltens vor und unmittelbar nach dem Haare ziehen, mit der Frage „was möchte der Bär für sich tun“ im Hinterkopf, brachte dann des Rätsels Lösung.
Er wollte meine Aufmerksamkeit.

Immer wenn er mir an den Haaren zog, hatte ich mein Handy in der Hand. Und immer wenn er an meinen Haaren gezogen hat, habe ich ihn beachtet und mit ihm Kommuniziert. Sicherlich, das ist keine Glanzleistung von mir. Das mein Sohn den Eindruck hatte, dass er sich nur so meine Aufmerksamkeit sichern kann. Aber ich schreibe meinen Blog und diesen Artikel hier auch nicht um mich selbst zu beweihräuchern, sondern um Einblicke und Verständnis zu verschaffen. Sowie auf zu zeigen, wie wir anders mit unseren Kindern umgehen können. Weg von der herkömmlichen Erziehung hin zu mehr Beziehung.

Diese Beispiele sind eben das : Beispiele und kein allgemeingültiges Patentrezept. Ich möchte euch nur einladen euren Blickwinkel zu verändern und die Auslöser, Wünsche und Bedürfnisse hinter den Handlungen eurer Kinder zu sehen.