Ich habe Angst, dass die Gewalt meiner Mutter auch in mir steckt.

Melanie ist heute Sozialarbeiterin, verheiratet und möchte eine eigene Familie gründen.
In ihr aber steckt die Angst, dass auch sie eine derart gewalttätige Seite wie ihre Mutter hat.
Sie litt unter Strafarbeiten, dem Entzug von Essen und Trinken, körperlicher Gewalt und vor allem aber unter der fehlenden Liebe.
“Ich wollte doch nur eine Familie,” sagt sie selbst.

 

Ich habe Angst, dass diese Gewalttätigkeit auch in mir steckt.

Angefangen hat alles, als ich in der Grundschule war.
Meine Mutter hat einen neuen Mann kennengelernt, nennen wir ihn Paul. Paul machte einen tollen ersten Eindruck und schien ein prima Kerl zu sein. Er gab sich viel Mühe, Bindung zu mir aufzubauen und dachte sich Spiele aus. Das änderte sich ein wenig, als meine Halbgeschwister zur Welt kamen. Genau genommen, änderte sich da alles.
Ich war acht Jahre alt.
Und dieses Alter war der Beginn der Misshandlungen.

Demütigungen und körperliche Gewalt

Es fing mit Ohrfeigen an, mit Bestrafungen wie Hausarrest. Für alles Mögliche. Dafür, dass ich in den Augen meiner Mutter log, meine Geschwister ärgerte oder mich nicht an den Putzplan hielt (der viele Putzaktivitäten wie Badezimmer putzen, Treppenhaus reinigen und andere Dinge vorsah- by the way, meine Mutter war arbeitslos).
Doch es steigerte sich.
Aus dem Hausarrest wurde eine erweiterte Bestrafung, wo ich Minimum 50 bis teilweise 1000x Sätze schreiben musste “Ich darf meine Geschwister nicht ärgern” oder “Montags muss ich das Badezimmer putzen, xxx”. Und dies nicht nur pro Satz, sondern es gab teilweise Strafarbeiten von mehreren tausend Sätzen. Während dieser Zeit durfte ich oft weder essen noch trinken, bis die Sätze fertig waren. Währenddessen fuhr meine Familie zur Pommesbude.

Noch heute habe ich Narben auf meinem Körper.

Aus den Ohrfeigen wurden Misshandlungen mit Gürtel, Kleiderbügel, Hundeleine und einmal flog mir eine Salatschüssel mit Tomatensalat entgegen. Noch heute habe ich Narben von der Hundeleine. Der Großteil ging dabei von meiner Mutter aus, doch zu einem kleinen Teil war auch mein Stiefvater involviert. Von ihm habe ich einige zerbrochene Brillen und aufgeplatzte Lippen bekommen.
Für Stunden wurde ich ohne Toilette oder Nahrung in meinem Zimmer eingesperrt, viele Male.
Mir wurden soziale Kontakte untersagt und unzählige Male lebenslänglich Hausarrest auferlegt, der sich über Wochen hinzog (also nicht ganz so lebenslänglich). Auf Klassenfahrten konnte ich teilweise nicht mit und meine Ferien habe ich gehasst.
Ich wünschte mir nichts sehnlichster, als dass ich in ein Internat kommen könnte oder dass ich adoptiert worden sei. Meine eigene Mutter würde mich doch so nicht behandeln, oder? Immerhin hat sie mich zur Welt gebracht.

Flucht nach vorn.

Als meine Familie wieder einmal essen gefahren ist, bin ich zum ersten Mal abgehauen, da müsste ich in der fünften oder sechsten Klasse gewesen sein. In der Schule wussten natürlich alle Bescheid, aber nichts passierte.
Unsere Sozialarbeiterin meinte, ich wäre intelligenter als meine Mutter und würde deswegen mit ihr nicht zurecht kommen. Diese Erklärung löste jedoch keines der häuslichen Probleme. Und auch nicht, dass meine Mutter teilweise wutentbrannt in mein Zimmer stürmte und die Dinge zerstörte, die mir wichtig waren.
Kopfhörer, um in andere Welten zu fliehen oder ein Stofftier, das mir nachts Trost bot. Nichts hielt ihrer Wut stand, und teilweise lag mein Zimmer in Trümmern. Das ich selbst wieder aufräumen musste.
Die Erklärung half auch nicht gegen die Beleidigungen und Beschimpfungen, die ich mir anhören musste. Darüber, dass ich nie jemanden finden würde, der mich liebte, dass ich dumm sei, fett und zu nichts zu gebrauchen.
Ich blieb einige Zeit in einem Kinderwohnheim, es müssen ein paar Tage gewesen sein. Dann wollte meine Mutter mich zurück. Natürlich stimmte ich zu, ich wollte nichts mehr als eine Familie. Ich war ein Kind und dachte, dass nun alles gut werden würde.
Gewalt für Seele und Körper

Weggeschickt, von der eigenen Mutter.

Noch in derselben Nacht schickte sie mich wieder zurück.
Dieses Mal blieb ich länger. Aber schließlich ging ich wieder zurück und wir bekamen eine Familientherapeutin für knapp ein Jahr.
Sie versuchte, zwischen uns zu schlichten.
Einige Jahre vergingen, erst geschahen keine weiteren Misshandlungen, dann ging es wieder langsam von vorne los. Es eskalierte immer wieder, meine Pubertät machte es nicht einfacher.

Ich ging wieder – freiwillig und endgültig.

Wieder floh ich von zu Hause, kam in ein Jugendwohnheim und blieb dort.
Dann ging ich wieder zurück.
Kurz vor meinem 18. Geburtstag verlor meine Mutter erneut die Kontrolle und ich ging, dieses Mal endgültig.
Lange hatte ich keinen Kontakt zu meiner Mutter, nach einer Weile gab es jedoch sporadischen Kontakt.
In der Zwischenzeit war sie von meinem Stiefvater getrennt, und er hat ihr vorgeworfen, was sie mir angetan habe.
Daraufhin rief sie mich völlig entsetzt an: “Das habe ich doch nicht getan, oder?”
Dies war einer der schlimmsten Sätze.
Wie konnte sie etwas verdrängen, was derartig mein Leben geprägt hatte?
Gut, sie glaubte auch daran, dass ein Dämon sie nachts heimsuchte und ihr Stromstöße verpasste, aber war das möglich? Konnte sie vergessen haben, wieso ich gegangen war?
Seitdem liegt ein komplettes Bundesland zwischen uns!
Angst

Als Hure beschimpft, von der eigenen Mutter.

Ich wuchs mit täglichen Demütigungen auf, mit Misshandlungen, Strafarbeiten und dem Gefühl, niemals für irgendjemanden gut genug zu sein.
Als ich meinen ersten Freund traf (mit 19 Jahren), war ich eine “Hure” in ihren Augen (übrigens hat sie mich mit 19 Jahren auf die Welt gebracht).
Immer wieder brach der Kontakt ab, und ich will bis heute keinen weiteren. Denn bei einem weiteren entschuldigte sie sich mit den Worten, ihre Ehe sei die Hölle gewesen.
Das kann sein, als Kind ist es schwer, das Leben seiner Eltern zu beurteilen. Doch für mich, als ein Kind, war es ebenfalls die Hölle.
Noch heute zucke ich bei schnellen, ruckartigen Bewegungen zusammen. Erst letztens saß ich im Bus, und draußen winkte jemand plötzlich einer anderen Person zu, und ich bin sofort zusammengezuckt. Das sind die Momente, die mich immer wieder an meine Kindheit erinnern, so gut es mir auch heute geht.
Doch selbst zu meinem Mann brauche ich teilweise Abstand. Er liebt Umarmungen und körperliche Nähe, doch an manchen Tagen ertrage ich das nicht lange. Das liegt keinesfalls an ihm, ich fühle mich dadurch jedoch manchmal eingeengt und gefangen, weil ich es nicht anders kenne.
Ich habe Angst, dass diese Gewalt, die meine Mutter mir gegenüber ausübte, irgendwo auch in mir steckt.
Besonders jetzt, wo wir eine eigene Familie gründen wollen.
In manchen Nächten habe ich Albträume, obwohl ich schon seit über zehn Jahren nichts mehr mit meiner Mutter oder meinen Geschwistern zu tun habe. Es ist nicht richtig, wenn man Albträume von seiner eigenen Mutter hat. So sollte das nicht sein.

Ich bin Sozialarbeiterin um anderen Kindern zu helfen.

Heute bin ich Sozialarbeiterin und möchte genau diese Dinge für andere Kinder ändern.
Ich hoffe, durch meine eigene Geschichte gelingt mir das und ich kann anderen erzählen, dass es ein Leben nach den Misshandlungen gibt.
Doch selbst in meinem “Nebenjob” als Autorin kommen Mütter bis heute nicht gut weg.
Es fällt mir schwer, über Mütter zu schreiben, obwohl ich viele “Ersatzmütter” in meinem Leben hatte.
Die eine, die mich zur Welt brachte, blieb mir jedoch verwehrt.
Wenn Eltern ein Kind schlagen, dann ist das nie nur eine Handlung in diesem Moment. Es mag auf den ersten Blick so scheinen, doch diese Handlung, dieser Schlag, bleibt für immer im Gedächtnis des Kindes.
Und es verändert einen.
Es sorgt dafür, dass man sich vor anderen Menschen in Acht nimmt und lange braucht, bis man wieder Vertrauen fassen kann. Dafür, dass man sich selbst anzweifelt und seine eigene Stärke aus den Augen verliert.
Jeder Schlag zieht Spuren nach sich, Narben sichtbarer und ganz besonders unsichtbarer Art.

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