Interview mit Hannah Elsche – Kunsttherapie für (werdende) Mütter in Berlin

Ich habe für euch ein Interview mit Kunsttherapeutin Hannah Elsche aus Berlin geführt

Hannah Elsche ist Mutter zweier Kinder und inzwischen selbstständige Kunsttherapeutin in Berlin. Ihr Angebit ist vor allem auf (werdende) Mütter ausgerichtet. Es zielt darauf ab, Mütter während der Schwangerschaft. oder nach der Geburt zu unterstützen. Vor allem das Aufarbeiten von Traumata oder schlechten Erfahrungen spielt eine große Rolle. Frauen sollen Geburten, Blutungen, Fehlgeburten, Überforderung und co mit Hilfe der Kunsttherapie verarbeiten können.

Kunsttherapie für Mütter mit H. Elsche

Hannah Elsche im Portrait

Hallo Hannah, danke für eine Bereitschaft dieses Interview mit mir zu führen. Durch Zufall bin ich bei Instagram auf deine Seite www.instagram.com/kunsttherapie_hannahelsche aufmerksam geworden. Deine Arbeit hat sofort mein Interesse geweckt.

 

Welche Ausbildung hast du gemacht? Eine künstlerische, eine therapeutische oder gar beides?

Ich habe nach meinem Abi erst einmal Kunstpädagogik auf Lehramt studiert, um dann festzustellen, dass der Job so überhaupt nicht meinem Lebenskonzept entspricht. Unter anderem deshalb sind wir auch direkt nach dem 1. Staatsexamen (ja ja, ich bin so alt…) nach Berlin gezogen. Dort habe ich mich dann für den Masterstudiengang Kunsttherapie an der Kunsthochschule Weißensee beworben und wurde sofort zugelassen. Das Studium mit dem Schwerpunkt auf der tiefenpsychologisch fundierten Kunsttherapie dauerte drei Jahre. Es war eine ziemlich intensive Zeit inklusive Praktika, u.a. in der Psychiatrie, Supervision, Selbsterfahrung und einer eigenen Lehrtherapie über den gesamten Zeitraum hinweg.

Ein Jahr später habe ich noch den Heilpraktikerschein für Psychotherapie gemacht. Dieser erlaubt mir mit privaten Krankenkassen (nach Diagnosestellung!) abzurechnen.

 

Was war zuerst da, deine Ausbildung als Grundlage – und dann der Berufswunsch oder anders herum ?

Ursprünglich wollte ich mal freischaffende Künstlerin werden. Hat (zum Glück) nicht geklappt. Denn ich arbeite künstlerisch mit Vorliebe für mich, stehe nicht gerne im Mittelpunkt und arbeite wirklich gerne mit Menschen. Das Lehramtsstudium war dennoch nicht das richtige. Erst als ich nach Berlin kam, erfuhr ich von der Kunsttherapie. Mein Mann schenkte mir ein Standardwerk (Edith Kramer: Kunst als Therapie mit Kindern) und von da an war ich hin und weg. Das erschien mir so richtig und wichtig. Genau das wollte ich auch! Und dann hat es zum Glück gleich geklappt mit dem Studium.

 

Wie bist du dazu gekommen speziell für Mütter und Schwangere Kunsttherapie anzubieten ?

So eine Entscheidung hat ja immer viel mit der eigenen Biografie zu tun.

Ich habe meinen Abschluss kurz vor der Geburt meines großen Kindes gemacht. Die Hebamme, die mich damals betreute, säte sozusagen den Samen. Sie meinte, dass sie sich so etwas sehr gut bei Schwangeren vorstellen könne und ob ich schon einmal über die Arbeit mit diesem Klientel nachgedacht habe. Das tat ich dann.
Eine sowohl körperlich als auch psychisch anstrengende Schwangerschaft und eine traumatische Geburt ließen das Ganze gedeihen.

Das ist nun ein paar Jahre her. Meine Erfahrungen, mein Interesse und meine Kinder wurden mehr und das Thema irgendwie zum Selbstläufer. Mittlerweile erscheint es mir nur konsequent, Kunsttherapie für Mütter und Schwangere anzubieten.

LTraumatische Geburten verarbeiten mittels Kunsttherapie

 

Was möchtest du mit deiner Arbeit bewirken?

Ganz konkret möchte ich gerne Frauen in einer besonderen und besonders sensiblen Phase, in der sie zugleich wahnsinnig verletzlich und so stark sind, Unterstützung anbieten und zeigen, wie sie gut für sich sorgen können und welche Fähigkeiten sich in ihnen verbergen. Es geht mir unter anderem darum, sie zu befähigen, die Veränderungen während der Schwangerschaft oder nach der Geburt ihres Kindes zu verstehen. Außerdem Kontakt zu ihrem ungeborenen Kind aufzunehmen, Geburtserlebnisse zu reflektieren und Gefühlen auf den Grund zu gehen. Sowie Ängsten in der Schwangerschaft oder nach einer traumatischen Geburtserfahrung Raum zu geben, ihren Gefühlen bei einem Kinderwunsch nachzuspüren und sie zuzulassen, aber auch darum, einen Verlust zu verarbeiten. Zusammenfassend kann man sagen, dass es darum geht, gute Voraussetzungen für die Herausforderungen in dieser Lebensphase zu schaffen.

Etwas weiter gefasst, geht es mir um die Stärkung der weiblichen Position sowie der persönlichen Wahrnehmung und Sichtweisen. Selbstbestimmung ist eine uralte Forderung und gerade in diesem Bereich so aktuell wie lange nicht. Häufig haben wir nie gelernt, was Selbstbestimmung sein kann und wie wir sie umsetzen können. Mir ist es ein Anliegen vom Konkurrenz denken, von Schwarz-Weiß-Malerei, vom Sich-Alleine-Fühlen, von überhöhten Performance-Ansprüchen an sich selbst und von Beurteilung anderer weg zu kommen und dahin zu gelangen, sich und andere so anzunehmen, wie man eben ist. Ich denke, dass wir das heutzutage dringend brauchen. (Das beantwortet in Großen Teilen übrigens auch die Frage, was sich meiner Meinung nach ändern muss. Daher habe ich es nicht noch einmal geschrieben.)

Welche Frauen melden sich hauptsächlich bei dir? – Oder lass mich das präzisieren : Arbeitest du eher mit Müttern oder Schwangeren? Melden sich eher Frauen mit Kaiserschnitt oder mit natürlicher Geburt?

Das ist schwierig zu beantworten. Es melden sich vor allem Mütter, die bereits ein Kind haben. Manche sind bereits wieder schwanger, andere haben einen Kinderwunsch, wollen aber erst einmal das Erlebte verarbeiten. Ich glaube, der Weg zu mir ist leichter, wenn man bereits Erfahrungen – leider erst einmal nicht so gute – gemacht hat. Dann wollen die Frauen aktiv etwas tun und spüren, dass sie Unterstützung brauchen können.

Ansonsten habe ich eine Anfrage bekommen, speziell mal etwas für Kaiserschnittmütter zu machen. Was meinen denn die Kaiserschnittmütter unter Deinen Leser*innen? Wäre das interessant für Euch? (*kommentiert bitte gern unter dem Artikel )

 

Gibt es etwas, was all deine Kunden gemeinsam haben?

Den Wunsch nach Reflexion, nach einer Verbesserung ihrer momentanen Situation, denke ich. Beziehungsweise einfach mal einen Ort zu haben, wo man alles rauslassen kann, Zeit für sich und diese Themen hat und Gehör findet. Neugier spielt aber, schätze ich, auch eine wichtige Rolle.

 

Welche Rückmeldung bekommst du – hilft die Kunsttherapie den Frauen und wenn ja, können sie benennen was am hilfreichsten für sie ist?

Ich glaube, die Frauen sind immer ganz erstaunt darüber, was in so einer Kunsttherapiesitzung passieren kann. Zunächst ist da immer eine gewisse Skepsis, was völlig normal ist. Aber sobald sie sich auf den Arbeitsprozess eingelassen haben, passiert immer etwas.

Viele entdecken auch das Malen für sich und nutzen es weiterhin. Denn leider ist es oft so, dass viele denken, sie hätten damit gar nichts am Hut, weil sie das aus Schulzeiten noch in Erinnerung haben und sich damals das letzte Mal malend in Erinnerung haben. Dabei vergessen sie häufig, dass sie gar nicht das entsprechende Material zu Hause hätten, dass sich ihr eigenes Sehen, ihr eigenes Leben, ihre eigene Kulturwahrnehmung gewandelt hat. Dann sind sie immer ganz überrascht, was als künstlerischer Output herauskommt. Aber auch darüber, was alles an Gefühlen in so einem Werk sichtbar wird und wie sehr sie sich damit identifizieren.

Letztendlich ist es genau das, was mitgenommen wird: Das positives Gefühl „Ich kann etwas und ich habe es selbst in der Hand, obwohl ich`s nicht gedacht hätte“

 

Du bist selbst zweifache Mutter, wie hast DU die Geburten erlebt und bedurfte es da einer Verarbeitung?

Ja, eine Verarbeitung hatte ich nach der ersten Geburt selbst bitter nötig.

Die Schwangerschaft und Geburt meines großen Kindes verliefen ganz und gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte: Starke Blutungen in der Schwangerschaft, viele körperliche Unpässlichkeiten, unglaubliche Ängste und Sorgen. Und zu guter Letzt nach einer Einleitung weit über Termin und einer langen schmerzhaften Nacht im Krankenhaus ein Kaiserschnitt unter Vollnarkose. Gefühlt endete die Geschichte meines ersten Kinderwunsches damit (oder begann?), dass mein Kind gefühlt nicht aus meinem Bauch heraus, sondern zur Tür hereinkam. Ich hatte lange daran zu knabbern und wollte auch relativ schnell ein weiteres Kind, einen zweiten Versuch.

Bei der zweiten Schwangerschaft sollte alles ganz anders verlaufen. Ich suchte mir früh wieder eine Beleghebamme, wobei mir die vaginale Geburt gar nicht so wichtig war. Ich wollte einfach nur von Anfang an gut begleitet werden und am Ende einfach selbstbestimmt (und hoffentlich bei Bewusstsein) mein Kind bekommen. In dieser Zeit führte ich ein künstlerisches Tagebuch und malte, klebte und zeichnete jeden Tag ein kleines Resonanzbild, wie es mir gerade ging. Viele Bilder davon zeige ich heute auf Instagram, weil ich niemals ohne Erlaubnis Bilder einer Klientin zeigen würde (falls sich jemand Gedanken über das ganze Bildmaterial machen sollte). Jedenfalls verliefen sowohl die Schwangerschaft als auch die Geburt komplett anders. Am Ende kam nach einer entspannten Schwangerschaft mein zweites Kind relativ zügig vaginal zur Welt und ich konnte ambulant die Klink verlassen.

Was ich immer wichtig finde zu erwähnen: Ich hätte die zweite Geburt niemals ohne die vorangegangene so erlebt. Die beiden gehören für mich zusammen, sind mein Geburtserlebnis, und haben keinen Einfluss auf die Beziehung zu meinen Kindern.

Kunsttherapie zum verarbeiten von Traumata rund um Schwangerschaft und Geburt

 

Was hilft dir persönlich am meisten an dieser speziellen Art der Be- und Verarbeitung durch Kunst?

Oh, das ist schwierig, da die Kunst für mich schon immer ein sehr wichtiger Teil meines Lebens war. Ohne künstlerische Arbeit kann ich gar nicht sein… Aber sagen wir mal so: Ich musste auch erst lernen, sie für mich zu nutzen als Pause vom Alltag, als Herausforderung und als Ort, wo ich meine Gefühle lassen und verarbeiten kann. Ansonsten mag ich das Arbeiten mit meinen Händen: Die Konsistenz der Farben, das Gefühl von Ton in der Hand, den Staub, den Geruch, das Chaos. Ich glaube, ich habe mir eine sehr kindliche Freude am Schöpferischen bewahrt. Und da ich nicht mehr den Wunsch habe, von meiner Kunst leben zu wollen, ist sie für mich wieder viel näher und viel intimer geworden. Nach ein oder zwei Stunden im Atelier fühle ich mich viel aufgeräumter, egal übrigens wie es mir während des kreativen Arbeitens ging.

 

Muss man, um es hilfreich zu finden, künstlerische Ambitionen haben oder hilft Kunst immer?

Ich finde, Kunst hilft immer.
Es geht ja darum, etwas mit den eigenen Händen zu tun und in die Handlung zu gehen und das lässt sich wiederum wunderbar ins Leben übertragen. Im Prinzip kann das natürlich auch Musik sein oder die Umgestaltung eines Zimmers (das kennen vielleicht einige). Es ist im Prinzip egal. Man wird diesen Moment immer als insofern positives Erlebnis abspeichern, dass man etwas erschaffen hat. Wenn man dabei, wie in der Kunsttherapie, auch noch begleitet wird, Empathie und Versorgung (auch etwas, was Frauen häufig bitter nötig haben) erfährt und etwas entsteht, was man mitnimmt und jederzeit angucken kann, dann ist zugleich ein sehr schöner Mehrwert geschaffen. Außerdem kann man beim späteren Betrachten seiner Arbeit meistens sehr schnell wieder Zugang zu den den Schaffensprozess begleitenden Gefühlen finden.

Es ist ja nicht so, dass man völlig alleine gelassen wird mit einem Blatt Papier und eine Aufgabe zu erfüllen hat. Kunst und Kreativität bieten so vielfältige, individuelle Möglichkeiten, wie es Frauen gibt.
Es geht nicht darum, die nächste Abramovic oder der nächste Picasso zu werden, sondern es geht darum, Farben, Zeichen, einen Ausdruck für etwas zu finden, wofür die Sprache nicht reicht.
Es geht um experimentelles Ausprobieren, um Freiheit und lustvolles Nutzen künstlerischer Materialien. Alles darf geschehen.

 

Was findest du, muss sich ändern – oder gibt es etwas was sich ändern muss, damit Mütter mit ihrer Schwangerschaft, Geburt und dem Mutter dasein besser umgehen können?

Oh ja, da gibt es einiges!
Ich bin selbst Mitglied bei Mother Hood e.V., einem Verein, der sich aus der Sicht der Eltern für eine Verbesserung in der Geburtshilfe und für Sicherheit im ersten Lebensjahr einsetzt. Und ich finde diese Arbeit wahnsinnig wichtig. Es gibt nämlich ein paar Faktoren, die sofort zu einer Verbesserung der Situation beitragen würden und damit auch Einfluss (man denke an Traumatisierungen) auf den weiteren Weg als Eltern haben könnten. Ich denke, das ist die Basis. Wie wird die Frau als Schwangere, als Gebärende, als Mutter wahrgenommen. Wenn sie nicht nur aus der medizinischen Sicht betrachtet, sondern auch als kompetenter Mensch, als Expertin für sich selbst, betrachtet wird, wirkt das ungeheuer präventiv gerade für die Psyche. Die Mutter muss gesehen werden! Und zwar nicht nur aus versicherungstechnischer Sicht, wo beurteilt wird, ob ein kaputter Beckenboden die Versicherung am Ende mehr kostet, als ein lebenslanger Raucher. (Und ganz ehrlich, wer denkt schon an eine Psychotherapie, wenn erst einmal ein paar Jahre ins Land gegangen sind, ohne ernsthafte psychische Erkrankung?!)

Aber auch das Bild in der Gesellschaft muss sich hier ziemlich verändern. Dazu habe ich oben bereits etwas geschrieben. Ganz wichtig ist mir, dass Frauen sich darüber klar werden und beschließen, dass sie da nicht mehr mitmachen. Und endlich breitgefächert damit anfangen, sich gegenseitig zu unterstützen, netter zu sein und nicht zu bewerten. Immerhin stellen wir Frauen knapp über die Hälfte der Weltbevölkerung. Dadurch ließe sich doch einiges bewegen…

 

Und zu guter Letzt: wie finden wir dich, wenn wir an einer Therapie interessiert sind und wenn du nicht in unserer Nähe bist, haben wir andere Optionen aus der Ferne – bzw. gibt es Kollegen die du empfehlen kannst?

Mich findet Ihr momentan im Norden von Berlin. Mein Atelier befindet sich im wunderschönen Wedding und dort arbeite ich auch gerade an einer Kooperation mit dem nahen Familienzentrum.

In Althohenschönhausen in der Praxis Familienleben biete ich mehrere Kurse sowie immer die Option auf Einzeltherapiesitzungen an. Meine Angebote geistern momentan noch als einzelne Flyer durch die Gegend. Sollte endlich die Schließzeit unseres Kinderladens vorbei sein, wird es auch endlich auf meiner Webseite rund gehen und Einblick und Angebote geben.

Für diejenigen, die nicht aus Berlin kommen, biete ich hin und wieder Wochenendworkshops an.

Kunsttherapeut*innen, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben, gibt es nämlich leider gar nicht so viele. Es gab immer mal wieder welche an Kliniken, aber wie das so ist mit der Geburtshilfe in Deutschland und leider auch in vielen Bereichen des restlichen Gesundheitssystems insbesondere bei der psychischen Gesundheit sind die Gelder hier knapp bemessen und das Interesse nur mässig.

Ich empfehle, wenn Ihr Euch Kunsttherapeut*inen suchen wollt, dass Ihr Euch immer genau anseht, wie jemand ausgebildet ist und wo jemand seine Ausbildung gemacht hat. Ihr könnt Euch beim Dachverband der Kunsttherapie (DFKGT) orientieren. Dort gibt es auch eine Therapeut*innenliste.

Ich würde auch immer bei meinem Arzt/meiner Ärzt*in nachfragen. Manchmal kennen die Therapeut*innen und manche Krankenkasse übernimmt anteilig die Kosten nach ärztlicher Verordnung.

Eine tolle Kunsttherapeutin, mit der ich in engem Kontakt stehe und die sich gerade auf das gleiche Feld spezialisiert, kenne ich in den USA. Naja, wer weiß, wer hier so mitliest.

 

Liebe Hannah – danke dir von herzen für dieses tolle und aufschlussreiche Interview über deine Arbeit. Ich wünsche dir alles Erdenklich gute für deine Zukunft privat so wie im Job.