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Wie wir Montessori zuhause leben – oder: es geht um mehr als schönes Material

selbst tun - auch für kleinkinder

Belinda Deisinger ist Dipl. Elementar Pädagogin, Dipl. Montessori Pädagogin 3 – 6 Jahre sowie  Dipl. Montessori Pädagogin 0 – 3 Jahre (in Ausbildung). Und vor allem ist sie Mutter von 1Sohn (2J.) und schwanger im 5.Monat. Belinda setzt ihr Wissen rund um Montessori auch zuhause um und berichtet in folgendem Artikel für uns darüber.

montessori pädagogin

Die Vorbereitete Umgebung

Ein kleiner Tisch mit einem kleinem passendem Stuhl, darauf eine kleine Vase mit einer einzelnen Blume. Neben dem Tisch, auf Augenhöhe des Kindes, ein gerahmter Kunstdruck eines bekanntes Künstlers, rechts weiter ein kleines hölzernes Regal, darin, jeweils auf einem kleinen Tablett oder Korb ein Material für die Entwicklung des Kindes. Eine kurze Schnur in einem Schälchen mit ein paar Holzperlen zum fädeln, ein Puzzle mit drei Bären, die sich in der Größe unterscheiden, eine kleine Holztruhe mit Schlitz und Holzchips zum einwerfen und wieder raus holen….alles ist schlicht, schön, vollständig, perfekt?

Der Vorbereitete Erwachsene

Als ich erfuhr das ich schwanger bin, war das erste was ich machte den Raum für unser Kind zu planen, wo kommt der Spiegel hin, wo die Bewegungsmatte, wo das Regal. Ich dachte an die ersten 5 Monate, an die ersten 12…welches Material brauche ich noch? Was von dem was ich habe könnte ich schon verwenden? Schnell stieg ich ins Internet ein und schaute auf diversen Seiten nach Inspirationen und fand mich schnell in einer Welt wieder, die vor Perfektion zu platzen schien. Nichts war mich gut genug. Ich bestellte Dinge extra aus den USA, zahlte nicht nur Versand sondern auch Steuern, und trotzdem hatte ich das Gefühl: es ist nicht genug. Sobald das erste erledigt war, war ich gedanklich bereits beim nächsten Abschnitt und plante und kaufte und perfektionierte und kaufte und überdachte und kaufte. Alles musste perfekt sein.

Das Kind

Dann war es da! Ich war überwältigt von dem Glücksgefühl! Alles schien perfekt! Das Baby war perfekt! Meine Welt war perfekt! Ich fühlte mich perfekt vorbereitet und auch meine Umgebung schien es. Doch dann kam die erste Nacht: ich legte mein Kind zum Schlafen auf seinem Toponchino (Ein kleiner Polster worauf das Kind liegt) in seine Cestina (Ein kleines Stubenkörbchen) und er schrie. Er wollte nur bei mir sein. Auf mir sein. Und ich fühlte das erste mal, dass meine pädagogischen Vorstellungen und meine mütterlichen Gefühle nicht zusammen passen.

Die neue Lehrerin

Es brauchte eine Weile bis ich in meiner Mutterrolle ankommen und meine Pädagoginnenrolle ablegen konnte. Und dann brauchte es nochmal eine Weile meine pädagogischen Werte in meinem Alltag als Mutter wieder zu integrieren. Ich habe erkannt, dass ich in den Urlaub nicht einen Koffer voll Material mitnehmen muss, denn es geht mehr als nur um das Spielzeug. Es geht um eine innere Haltung dem Kind gegenüber und die Idee die Entwicklung des Kindes nicht zu behindern und dies ist überall zu jederzeit ohne jeglichem Material möglich.

„Hilf mir es selbst zu tun.“

Ich erkannte, wie viel Stress es mir nahm, wenn ich mich auf mein Kind und auf die Beziehung zwischen uns konzentrierte anstatt auf materielle Dinge. Ich begann darüber nach zu denken worum es in der Montessori Pädagogik eigentlich geht. Der Leitspruch „Hilf mir es selbst zu tun.“ steht für die erste Entwicklungsperiode des Kindes, also für 0 – 6 Jahre, wann also ermögliche ich meinen Kind etwas selbst zu tun? Beziehungsweise wann verhindere ich es? Nach und nach stellte sich mein Perfektionismus ein. Mein Kind will mit mir kochen: kein Problem. Sparschäler raus, gezeigt wie es geht und los. Vor allem der Haushalt, so erkannte ich, lieferte hunderte Möglichkeiten meinem Kind Dinge zu zeigen und seine Fähigkeiten auf unterschiedliche Weisen zur Entwicklung zur unterstützen: Wäsche ein und ausräumen, mir beim aufhängen helfen, Geschirrspüler einschalten, Staubwischen, Staubsaugen…ihm ist es egal ob er sein eigenes Staubtuch besitzt oder ob er meines benutzt, er will nur eines: es selber machen!

hilf mir es selbst zu tun - montessori

Beobachtung

Ich begann mir mehr Gedanken um das Jetzt zu machen, als um das was kommen wird. Ich ging ganz stark in die Beobachtung: beobachtete ihn, sein Tun, aber auch mich und mein Tun. Das Leben im Jetzt machte vieles langsamer und genau diese Langsamkeit brachte viel Leichtigkeit mit sich. Mein Kind hatte die Möglichkeit auch mich besser beobachten zu können. Meine Bewegungen, meine Handhabungen, was ihn wiederrum zu mehr Selbstständigkeit führte. Ich fühlte mich nicht mehr so unter Druck gesetzte, konnte ihn gewähren lassen, ausprobieren lassen und so gewann ich nicht nur immer mehr Vertrauen in ihn und sein können, sondern auch neues Vertrauen in mich als Mutter.

Friedenserziehung

Ja, bei uns steht auch ein Tisch und ein Stuhl, es hängen gerahmte Bilder und ja er besitzt sogar ein eigenes Staubtuch. Denn ich bleibe was ich bin: Montessori Pädagogin und deswegen sicher immer etwas Perfektionistisch. Doch ich habe mich in meiner Rolle als Mutter und Pädagogin gefunden und habe gelernt, dass Leben zu leben anstatt stur einem Kurrikulum zu folgen. Habe gelernt, dass eine friedvolle Haltung in mir beginnt, im Jetzt beginnt, sich in meinen Bewegungen, meiner Sprache, meiner Bereitschaft dem Leben und der Entwicklung meines Kindes zu helfen fortsetzt und sich schlussendlich im Tun meines Kindes zeigt. Ein Kind nach Montessori zu erziehen heißt in erster Linie ein Kind in Frieden zu erziehen.

Eine neue Welt

Nun erwarte ich mein zweites Kind und ich kann stolz sagen: bis auf einen Body habe ich noch nichts gekauft, klar vieles habe ich schon, aber vieles könnte ich auch noch verbessern, korrigieren, überdenken, perfektionieren….doch ich bleibe im Hier und Jetzt. Das Kind wird mir dann schon zeigen welchen Weg wir zu gehen haben. Bis dahin arbeitet ich weiterhin an mir und an meiner Haltung und mache mich bereit für die Welt, die mir mein Kind zeigen wird. Tag für Tag. Moment für Moment. So gehen wir gemeinsam Schritt für Schritt in eine neue Welt Richtung Frieden.

montessori im alltag

Buchempfehlungen:

Maria Montessori: „Das Kind in der Familie.“
Silvana Quattrocchi Montanaro: „Das Kind verstehen.“
Simone Davies:„Das Kind verstehen.“

So wie alle weiteren Bücher Montessoris.

Blogempfehlungen:

Deutschsprachig: Eltern vom Mars
Englischsprachig: http://www.thekavanaughreport.com

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