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Über Rollenbilder und faire Aufteilung von Carearbeit

Über Rollenbilder und die faire Aufteilung von Care- und Erwerbsarbeit

„Wir sind eben immer noch Exoten“ sagt eine Freundin zu mir und ich nicke.
Wir sind die, die von manchen als Rabenmütter beschimpft werden, denn wir gehen verhältnismäßig viele Stunden arbeiten und lassen die Kinder bei unseren Männern. Wir sind die, die in den Augen einiger die Karriere und die Arbeit vor das Wohl der Kinder stellen. Und wir sind auch die mit den Männern, die das mitmachen. Kurz – wir brechen mit alten Rollenbildern und Familienstrukturen.
Wir sind die mit Partnern an unserer Seite, die nicht auf Grund ihres Geschlechts mehr oder weniger in der Erziehung und Betreuung der Kinder beteiligt sind. Wir sind die, die das leben, was viele oft fordern, nämlich die Verteilung der Care Arbeit und der Erwerbsarbeit zu gleichen Teilen an beide Elternteile. Und trotzdem stößt es bei vielen sauer auf.

Elternzeit für Väter

In Deutschland nehmen nur etwa 33% der Väter Elternzeit (die Statistik geht nur von Elterngeldmonaten aus). Hiervon nur etwas weniger als die Hälfte (also jeder sechste Vater) mehr als die üblichen zwei Partnermonate, die gemeinhin auch als Vätermonate bezeichnet werden. Immer noch ist es nicht gerne gesehen, wenn Männer längere Zeit der Arbeit fern bleiben und dafür bei der Familie sind. Viele Arbeitgeber teilen das ihren Angestellten auch oftmals sehr direkt mit, drohen mit einem Knick in der Karriere oder ähnlichem. Frauen erleben dies in der Regel nicht, hier ist eher das Gegenteil der Fall. Völliges Unverständnis, wenn nicht mindestens ein Jahr ausgesetzt oder nicht in Teilzeit weitergearbeitet werden kann oder möchte. Frauen werden also mit dem positiven Schwangerschaftstest aufs Abstellgleis gestellt. Während Männer es nicht schaffen aus dem ICE des Arbeitslebens auszusteigen. Diskriminierung für beide Geschlechter sozusagen.

Aber auch gesellschaftlich ist eine längere Elternzeit von Männern immer noch etwas, das nicht gerne oder nur mit Skepsis gesehen wird. Es wird immer noch als nicht normal angesehen und nicht normal ist für viele gleichzusetzen mit nicht gut. Wir sprechen von Gleichberechtigung, von Frauenquoten, von gleichem Lohn für alle Geschlechter. Und trotzdem tun wir uns als Gesellschaft mit einem Mann, der Verantwortung übernimmt und Prioritäten anders setzt als die Masse sehr schwer.

Und dann sind da noch die vielen Fälle, in denen es einfach gar nicht anders geht. Denn er hat einen Job, der das Geld hereinspielt, das die Familie zum leben braucht. Während sie oft einer geringer bezahlten Tätigkeit nachgeht. Auch hier ist noch viel zu tun und auch hier ist ein Umdenken aller Beteiligten nötig. Denn nicht immer scheitert es nur am Geld, schließlich wird in Deutschland relativ viel und lange Elterngeld gezahlt. Oft ist es auch eine Frage der Prioritätensetzung. Und manchmal lohnt es sich eben genau für eine Elternzeit für den Vater zu sparen und dafür an anderer Stelle zu verzichten. Sicherlich nicht für alle machbar, doch für viele schon.

Können Väter das überhaupt?

Und noch ein Punkt ist wichtig in der ganzen Geschichte: Die Rollenbilder in unseren eigenen Köpfen und die damit verbundene Vorstellung, dass sich der Mann gar nicht so gut um das Kind kümmern kann, wie eine Frau das kann. Selbst wenn die eigene Frau es dem Mann zutraut, werden außen herum immer wieder Stimmen laut, die nach den Kompetenzen des Mannes fragen. Wir haben das selbst so erlebt. Inklusive erstaunter Nachfragen wie mein Mann das schaffen könne. Und wie toll das ganze doch wäre, dass er das so gut hinbekommt. Für ihn selbst war das nie eine Frage. Er ist der Vater unserer beiden Kinder und kann sich, abgesehen vom Stillen, genauso gut oder schlecht um sie kümmern wie ich das kann.

Doch genau diese Einstellung ist es auch oft, die fehlt. Ich erlebe es oft, dass Mütter ihren Männern nichts zutrauen oder es nicht aushalten, wenn er etwas im Umgang mit dem Kind anders macht als sie selbst. Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich hatte die ein oder andere Diskussion mit meinem Mann. Das gehört einfach auch zu Elternschaft dazu. Genauso gehört aber Vertrauen und Loslassen dazu. Erst dann kann es gelingen, dass der Vater seinen eigenen Weg mit dem Kind finden kann. Dieser mag anders aussehen und in manchen Fällen sicherlich auch Teile enthalten, die vielen Müttern nicht zusagen. Aber das ist in Ordnung und darf sein.

Weg von den Rollenbildern

Wie können wir es also erreichen, dass mehr Männer Elternzeit nehmen? Dass Väter mehr Verantwortung übernehmen (können) und auch der Mental Load auf beide Partner verteilt wird? Meiner Meinung nach haben wir hier noch einen langen Weg zu gehen, denn die Rollenbilder in unseren Köpfen sind doch immer noch sehr starr. Und das sind sie nicht erst, wenn wir Eltern werden. Schon kleine Kinder pressen wir, oft unbewusst, in diese Schubladen. Gerade Jungen haben es häufig schwer und werden eingeschränkt oder mit Misstrauen beäugt, wenn sie sich „typisch weiblich“ verhalten oder kleiden. Ein Mädchen mit Kurzhaarfrisur und einer Vorliebe für Fußball wird als Räubertochter bezeichnet. Ein Junge mit langen Haaren, einer Puppe oder pinken Klamotten ist in den Augen vieler immer noch ein Weichei, eine Anomalität oder einfach nur peinlich.

Forschungen haben ergeben, dass wir mit unseren Töchtern anders sprechen als mit unseren Söhnen und sie deswegen oft nicht lernen Gefühle zuzulassen bzw. die ganze Bandbreite auszuleben. Sie sollen also nicht nur in ihrem Äußerlichen und in ihrem Spielverhalten männlich sein, nein auch in ihrem Inneren formen wir sie, bewusst oder unbewusst.

Doch wie kommen wir von diesen Rollenbildern weg? Wie können wir es erreichen, dass Familie nicht automatisch bedeutet, dass Frauen die Care Arbeit übernehmen und Männer den Broterwerb? Die Antwort ist so einfach wie sie schwierig ist. Wir müssen es einfach machen. Als Vorbilder voran gehen. Darüber sprechen und darauf aufmerksam machen. Aufklären und ermutigen. Und zwar in einem höheren Tempo als wir es aktuell tun.
Damit nicht erst unsere Urenkel von unserem Engagement profitieren können.

Und jetzt?

Na, und jetzt? Wird sich der ein oder andere fragen. Zurecht, denn der Weg den wir gehen müssen, ist kein einfacher. Er bedeutet, dass wir uns an die eigene Nase fassen müssen. Uns unserer Bilder im Kopf bewusst werden müssen und diese zu überdenken. Und dann ins Handeln kommen. Loszulassen als Mütter und anzufangen als Väter. Das Unmögliche möglich machen. Jeder Schritt zählt.

Rollenbilder sind festgefahrene Konstrukte, die unser Familienleben selten positiv beeinflussen.

Über die Gastautorin

Clara Bernhard ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie arbeitet in ihrem Hauptberuf in der IT, ist aber nebenberuflich als artgerecht Coach tätig und betreibt gemeinsam mit ihrer Kollegin und besten Freundin einen Blog zu Themen rund um Elternschaft, Geburt, die ersten Jahre mit Kind, Schreibabys und artgerechtes Familienleben. 
Link zum Blog: https://herzenswege.blog/blog/

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