Erfahrungsberichte

Gewalt und Bloßstellung im Kindergarten in der DDR

Leen von Aufbruch zum Umdenken schreibt über ihre Kindergartenzeit in der DDR. Geprägt von Bloßstellung und psychischer Gewalt. In dem Artikel Auch ein Ost deutsches Kind hat ein Recht auf gewaltfreie Begleitung berichtet sie auf ihrem Blog außerdem davon, wie sie in ihrem Umfeld auch heute noch mit Gewalt in der Erziehung konfrontiert wird. 

 

Gewalt im Kindergarten
www.aufbruch-zum-umdenken.de

Kinderbetreuung in der DDR

Wie haben wir unsere eigene Kindergartenzeit erlebt? Ich habe auch schöne Erinnerungen, aber leider auch sehr einprägsame, die ich heute, mit meinem Wissen, schrecklich finde.

Ich bin 32 Jahre alt und war ein Kind, welches in Ostdeutschland in den Kindergarten ging.

Meine Mama brachte mich mit einem halben Jahr eine Woche in die Krippe, bis ein neues Gesetz kam und Lehrer*innen ihre Kinder doch ein Jahr zuhause lassen durften. Sie sagte mir, dass ich jeden Morgen weinte und sie auch, während sie mit der Schwalbe zur Schule fuhr. Sie höre mich bis vor die Tür schreien. Wir weinten also beide. Eingewöhnt wurde ich, aber leider wohl zu kurz.

Jedenfalls war ich dort eine Woche und dann durfte ich doch noch ein halbes Jahr bei meiner Mama bleiben.

Sie selbst wurde mit 8 Wochen in die Krippe gebracht. Wir reden oft darüber, meine Mama und ich. Ihr könnt euch vorstellen, dass es keine Gespräche der größten Freuden sind.

Im Kindergarten war ich nicht gern.

Nun gut! Ich war also ein Kind, dass die letzten DDR-Jahre im Kindergarten verbrachte mit einer Oma, die selbständig war und von zuhause aus arbeitete. Also war Ich viel bei ihr, wenn ihre Zeit es zuließ. Ich sah ihr zu, wenn sie schneiderte und sortierte Köpfe nach Farben oder brachte mir das zählen bei. Und Ich liebte diese Knöpfe, das Schneidern von ihr und die Menschen, die jeden Tag in ihre Stube kamen. Ich hatte dadurch guten Kontakt zu vielen Menschen im Dorf.

In der Kita war ich nicht gern. Ich habe noch so einige Erinnerungen an diese Zeit. Wie gesagt, es gab auch gute Erinnerungen, aber die schlechten tuen bis heute weh.

Ich erinnere mich auch an die jungen und lieben Kindergärtnerinnen, aber diese waren irgendwie nicht bei mir. Heute weiß ich warum, denn ihre Kinder sind so alt wie ich und sie waren einfach auch in ihren Elternzeiten. Meine Schwester ist jünger als ich und wurde von diesen Frauen begleitet und hat ganz wunderschöne Erinnerungen an ihre Kindergärtnerinnen. Diese sind auch jetzt noch vor Ort tätig und haben das Herz definitiv am rechten Fleck. Es ist jetzt ein richtig schöner Kindergarten.

An mir wurde ein Exempel statuiert

Ich hatte damals leider eine biestige Kindergärtnerin im mittleren Alter. Sie war herrisch und in meiner Erinnerung lachte sie nie. Ich habe mir so oft gewünscht, dass Oma Erika mich abholt und wir zusammen den Tag verbringen. Mittagskind wollte ich immer sein. Meine Oma hat Kinder niemals angeschrien oder war böse zu ihnen. Als ich erwachsen war sagte sie mir: „Man darf Kinder niemals anschreien, denn das verkraften ihre Seelen nicht so gut.“

Zurück zur Kita. Die biestige Frau verpasste mir jedenfalls ein ordentliches Trauma. Ich erinnere mich oft und gut an diese Situation. Ich redete als Kind schon gern und viel und hatte es oft schwer, in den Mittagsschlaf zu finden. Um an mir ein Exempel zu statuieren, musste ich, weil ich redete, in der Mittagsschlafzeit barfuß auf dem Steinboden neben meinem Bett stehen, während mich die gesamte Kindergruppe ansah oder um mich herum einschlief. Diese Situation hat sich in meinen Kopf gebrannt. Aufessen musste ich auch immer, gemaßregelt wurde ich und an eine liebevolle Begleitung erinnere ich mich nicht. Ich bin sehr sensibel und mich vor z.B. anderen vorzuführen oder das Übertreten meiner persönlichen Grenzen zu erzwingen, ist eine Qual für mich. Ich mag es respektvoll und achtsam und das schon als Kind.

Meine Schwester aß als Kind sehr langsam. Sie musste bei einer Kindergärtnerin immer sitzen bleiben, bis sie alles aufgegessen hatte. Ich musste dann an ihr vorbei gehen, um in den Waschraum (ich glaube es war der Waschraum) zu gelangen, während sie allein am Tisch saß und saß und saß, bis ihr Teller leer war (als erzieherische Methode vermute ich mal). Am liebsten hätte ich sie hochgezogen und mitgenommen, doch das traute ich mir nicht. Mein schlechtes Gewissen war aber riesengroß, dass ich meiner kleinen Schwester nicht geholfen habe. Kleine Soldaten und Soldatinnen heranziehen, die massenkonform sind und spuren, wenn z.B. Erwachsene reden, das konnte die DDR.

Ich sage aus eigener Erfahrung – doch es hat geschadet

Aber auch andere Kinder hatten es schwer. Wir hatten ein Kind in der Gruppe, welches im Schlaf seine Ausscheidungen nicht kontrollieren konnte. Statt dieses Kind zu integrieren, wurde es vor der gesamten Gruppe vorgeführt. Es wurde laut vor dem Kind gesagt, dass wenn man in der Mittagszeit nicht ruhig sei, dass man dann neben diesem Kind schlafen musste. Sauber gemacht wurde das Kind in meiner Erinnerung dann auch nicht, sondern erst, wenn wir alle wieder aufstanden. Mir tat das damals schon unendlich leid, aber ich hatte nicht den Mut etwas zu sagen. Niemand wollte mit diesem Kind spielen oder daneben schlafen. Oft hat der Raum dann gerochen, wenn Mittagsschlafzeit war. Das ist einfach nur furchtbar. Die Kindergärtnerinnen haben das Kind als Druckmittel genutzt, damit wir über die Mittagsschlafzeit ruhig waren.

Wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, kullern mir Tränen über die Wangen, weil mir das alles so leid tut. Fütterungen, Bloßstellungen, Maßregelungen, Misshandlungen – Machtausübungen an Kindern – Macht des Gehorsams!

Wenn ich heute Menschen sagen höre „Das hat uns auch nicht geschadet“ oder „Ein Klaps ist kein Schlag.“ oder „Iss auf, so lange du deine Füße unter diesem Tisch hast.“, dann kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es schadet. Es schadet sogar sehr. Mir persönlich hat schon die Bloßstellung gereicht, um emotional angegriffen zu sein und mich mein Leben lang damit herumzuschlagen. Wie muss sich nur dieses arme Kind gefühlt haben, was konsequent misshandelt und gedemütigt wurde?

Wir haben 2018. Es ist mir ein Anliegen, euch davon zu erzählen, denn ich möchte von Herzen, dass unseren Kindern solche Dinge nicht mehr passieren. Das wünsche ich mir wirklich sehr. Jede*r Erwachsene hat die Pflicht unsere Kinder zu schützen! Unsere Gesellschaft hat umgedacht und muss weiter umdenken, damit unsere Kinder gewaltfrei aufwachsen dürfen.

Ein passendes Lied

Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füsse, mit so kleinen Zeh’n.
Darf man nie drauf treten, könn‘ sie sonst nicht geh’n.

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles seh’n.
Darf man nie verbinden, könn’n sie nichts versteh’n.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei.

Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat, hab’n wir schon zuviel.

(Bettina Wegner, 1976, Liedermacherin in der DDR Das Lied findet ihr in diesem Link)

Eure Leen

Danke Mama, dass du dich für mich eingesetzt hast und zu der Kindergärtnerin gegangen bist, nachdem ich es dir erzählt hatte. Danke, dass du dich als „brave DDR-Bürgerin“ getraut hast. Danach war mit dem Bettstehen Schluss. Du hast dich für meine Rechte stark gemacht und das ist bis heute sehr wichtig für mich. Ich hab dich lieb

Erfahrungsberichte

Bis heute fühle ich mich nicht gut genug!

Die Rabenmutti berichtet offen, ehrlich und authentisch über die erlebte Gewalt in ihrer Kindheit. „Bis heute fühle ich mich nicht gut genug“ sagt sie selbst über die Folgen und Auswirkung.

Vor Kurzem hat irgendein Promi zugegeben das eigene Kind zu schlagen. Der Fall sorgte für große Wellen im Netz, sodass sogar das Radio fragt, ob es in Ordnung sei, Kindern einen Klaps zu geben. Als ich das las, habe ich mich gefragt, was mit den Menschen nicht stimmt. Sie hätten ebenso fragen können: Ist es in Ordnung Hundewelpen mit einer Rasierklinge den Hals aufzuschneiden. Jeder normale denkende Mensch würde sofort „Nein!“ rufen. Andernfalls ist er ein Psychopath. Das Gleiche gilt für die Klaps-Frage. SO dachte ich jedenfalls.

Allerdings sollten mich die sozialen Medien eins besseren belehren: „Mir hat´s ja auch nicht geschadet“ klang es da aus allen Ecken. Schlimmer: Manche Eltern gaben zu, just in diesem Moment Gewalt angewandt zu haben. Sie haben damit geprahlt. Waren stolz! Stolz darauf, einem Schutzbefohlenen Wesen, aufgrund ihrer körperlichen Fähigkeit Einhalt geboten zu haben. Das ist in etwa so geil, wie ein Babykätzchen gegen die Wand zu schmeißen, weil es in die Ecke gepinkelt hat. Kann man aufgrund der körperlichen Überlegenheit machen, ist aber Scheiße.

Angst, Druck, Selbstzweifel ein Leben lang

Ich bin eines dieser Kinder, dass geschlagen wurde: Mit der Hand, dem Gürtel, dem Hausschuh, dem Kochlöffel. Zu spät nach Hause gekommen? Geschlagen. Wiederworte gegeben? Geschlagen. Immer, wenn meine Mutter nicht weiter wusste, gab es Schläge. Wenn die Argumente ausgingen, wenn sie schwach und hilflos war.

Ich erinnere mich an Situationen, da kam ich glücklich nach Hause, voller Vorfreude, einer inneren Wärme. Dann sah ich ihren vorwurfsvollen Blick und bekam plötzlich große Angst. Mir war klar, dass es wieder Schläge geben würde. Mein Körper fing an zu zittern, mir wurde eiskalt ein Schwindel überkam mich. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Der Puls stieg ins Unermessliche. – Jeder Schlag brannte sich in meine Haut.

Haben die Schläge mich davon abgehalten Verbotenes zu tun? Die Welt auf meine Art zu erkunden? Oder einfach nur die Zeit zu vergessen? Nein. Sie haben mich aber gelehrt zu funktionieren, wenn meine Mutter es wollte. Mich zu bemühen in ihren Augen alles richtig zu machen. Es baute einen enormen Druck auf mich auf! Ein Druck der mich zwang, entgegen meines Naturell zu handeln, mich zu verstellen und mich selbst als Menschen zu verlieren.

 

Ich verstehe die Motivation

Sie war Alleinerziehende. Hatte kaum Unterstützung. Heute verstehe ich ihre Motivation – kann sie aber keinesfalls gutheißen. Als Kind verstand ich nichts. Ich weiß nur, dass ich mich schlecht fühlte. Ich war ein schlechtes Kind. Manchmal, wollte ich wegrennen. Zu meinem Vater ziehen, der uns nie schlug. Manchmal, da wollte ich nicht mehr leben. Ich fühlte mich nicht gut genug, um zu leben. Dieses Gefühl ist tief in mir verankert. Bis heute fühle ich mich NICHT GUT GENUG.

Meine Mutter hat sich nicht einmal für die Gewalt entschuldigt. Nicht einmal erklärt, wie es dazu kam. Ja, auch ich schreie Mal. Auch in mir entsteht der Impuls zuzuschlagen. Natürlich triggern mich manche Situationen und mein inneres Kind schreit laut um Hilfe. Schlägt wild um sich. Aber ich versuche diese Impulse zu unterdrücken oder im Ernstfall zu erklären, dass ich gerade richtig falsch gehandelt habe. Dass es nicht in Ordnung war. Dass ICH hier das Problem bin und nicht mein Kind.

Mein Kind soll niemals denken, es sei nicht gut genug. Es soll niemals denken, es wird nicht geliebt. So habe ich mich jahrelang gefühlt. Ungeliebt, allein, nicht gut genug.
Ich habe jahrelang funktioniert, nicht gelebt

Weitergemacht habe ich nur in Rolle der großen Schwester. Erst habe ich meinen 15 Monate jüngeren Bruder beschützt. Später nahm ich die Ersatzmutter-Rolle für die Nachzügler ein. Immer als Beschützerin. Bis ich nicht mehr konnte und aufgrund körperlicher und emotionaler Gewalt mit 15 ausgezogen bin. Zum Selbstschutz. Weil ich das erste Mal in meinem Leben spürbar geliebt wurde und mein Leben sich anfühlte, als sei es doch etwas wert.

Dennoch hat sich das Gefühl wertlos zu sein, bis heute gehalten. Trotz Abitur, dachte ich, ich sei dumm und zu nichts zu gebrauchen. Im Studium habe ich trotz guter Noten an mir gezweifelt, immer das Haar in der Suppe gesucht. In der Beziehung habe ich Fehler gesucht und verursacht – nur, um mir selbst zu beweisen, dass ich schlecht bin. Nicht gut genug. Für Liebe, geliebt zu werden.

 

Außen hui, Innen pfui

Seht ihr mich von außen, seht ihr eine junge Mutter, die ihre Kinder liebt. Ich werde meist als ruhig und gelassen beschrieben. Ich habe ein sehr gutes Studium, leiste hervorragende Arbeit und habe einen gutaussehenden, liebevollen Ehemann und Vater geheiratet. Von außen, da bin ich völlig normal. Da hat mir die Erziehung nicht geschadet. Von außen, denkt meine Mutter auch, sie habe gute Arbeit geleistet. „Aus mir sei etwas geworden“.

Aber im Inneren, da bin ich kaputt. Ich kämpfe jeden Tag. Jeden Tag wird es ein bisschen besser. Jeden Tag kann ich mich ein bisschen besser leiden, besser akzeptieren. Aber es gibt auch immer wieder Tage, da falle ich in das Loch zurück. Sobald ich getriggert werde, fühle ich mich wieder wertlos. Frage mich, ob es denn noch Sinn macht auf der Erde zu wandeln. Frage mich, ob mich jemand vermissen würde. Das sieht man von Außen alles nicht.

Bin ich jetzt schwach, weil ich meine Kindheit bis ins Hier und Jetzt k? Weil ich zweifle und versage? Nein! Ich bin stark, weil ich dagegen ankämpfe. Ich bin stark, weil ich andere Wege suche, Konflikte zu lösen. Ich bin stark, weil ich Impulse unterdrücke, in andere Bahnen leiten möchte. Ich bin stark, weil ich an mir selbst scheitere und neue Wege suche, aus dem Teufelskreis herauszukommen. Und ich bin stark, weil ich meinem Kind keine Gewalt antun möchte. Weil ich nach Wegen suche, mein Kind mit Liebe aufzuziehen.

 

Beweist wahre Stärke und hört auf zu Schlagen!

Allen Eltern, die sich gut damit fühlen, ihr Kind zu schlagen. Die sich stark fühlen, dass sie ihr Kind damit in die Schranken weißen, dass sie ihnen Gewalt antun möchte ich sagen: Ihr seid schwach. Schwach, die Gefühle eurer Kinder auszuhalten. Zu schwach, um zuzugeben, dass es zu viel ist.

Es ist keinesfalls schwach, zu sagen, dass man nicht mehr kann. Es ist nicht schwach sich Hilfe zu suchen oder Rat. Einfach zuzuschlagen, um die körperliche Kraft zu nutzen, das ist aber sehr wohl schwach! Es ist schwach, den Kindern zu signalisieren, dass Gewalt in Ordnung ist. Es ist NICHT in Ordnung. NIE! Auch ein „Klaps“ nicht. In dem Moment, indem ihr euren Kindern einen Klaps gebt, signalisiert ihr Schwäche, nicht Stärke.

Gegen Gewalt - Erfahrungsbericht

Erfahrungsberichte

Die Gewalt hörte erst auf, als Sie den Kontakt abbrach- Interview

Frau H. im Interview über ihre Gewalt geprägte Kindheit, ihre Folgen und ihr Mutter sein.

Interview

BL: Danke für deine Bereitschaft, über deine Erfahrungen zu spreche. Das ist sicher nicht leicht. Redest/Schreibst du heute zum ersten Mal darüber?
Frau H: Ich befinde mich nun seit fast 3 Jahren in Therapie, in der dieses Thema immer wieder aufgearbeitet wird. Bisher hab ich allerdings noch nie solch ein Interview dazu beantwortet.

BL: Fragen die du nicht beantworten kannst oder möchtest, darfst du natürlich einfach unkommentiert stehen lassen. Das Interview ab zu brechen, steht dir jeder Zeit frei wenn du dich nicht mehr gut fühlst!
In welcher Form hast du in deiner Kindheit Gewalt erfahren?
Frau H: Ich musste körperliche und seelische Gewalt ertragen.

BL: Wie alt warst du da – und wann war Schluss ?
Frau H: Ich kann mich nicht genau erinnern, wann es angefangen hat. Im Nachhinein denke ich meine Eltern haben mich von Anfang an so behandelt. Angehört hat es erst als ich mit 18 ausgezogen bin und mich selbst versorgen konnte.

BL: Woran lag es, dass dann keine Gewalt mehr angewendet wurde, weist du das ?
Frau H: Ich habe den Kontakt erst eingeschränkt (was aber auch nicht wirklich geholfen hat) und dann nach nochmal 3 Jahren ging ich den Schritt des völligen Kontakt Abbruchs, bis heute.

BL: Wie hast du dich Gefühlt während der Gewalt vollen Zeit? Was hatte das unmittelbar für Auswirkungen auf dein Verhalten?
Frau H : Ich habe mich hilflos und verlassen gefühlt. Das wünsche ich niemanden. Ich war ein sehr zurückhaltendes, schüchternes und verletzliches Mädchen. Ich habe mich so gut wie gar nichts getraut aus Angst etwas falsch zu machen und wieder Gewalt erfahren zu müssen.

BL: Wie ging es in deiner Jugend weiter – was hatten deine Erfahrungen für Folgen?
Frau H: Ich hatte immer noch starke Probleme mich irgendwo einzufügen oder meine Meinung zu sagen. Schüchtern und unterdrückt.

BL: Begleiten dich jetzt als erwachsener noch Probleme, die auf die erlebte Gewalt zurück zu führen sind?
Frau H: Ich habe sehr oft noch Alpträume von dem Geschehenen. Wenn mich etwas triggert dann kann es passieren, dass ich in einer Dissoziation* gefangen bin.

BL: War/Ist aufgrund dieser Folgen eine Therapie nötig ?
Frau H: Ja. Ansonsten wüsste ich nicht, wie ich damit umgehen soll und bin wahnsinnig froh eine sehr verständnisvolle Psychologin zu haben.

BL: Wenn du Kinder hast, welche Schwierigkeiten hast du im Umgang mit Situationen in denen du selbst als Kind Gewalt erlebt hast?
Frau H: Ich mache bei meinen Kindern das komplette Gegenteil von dem, was meine Eltern im Umgang mit mir gemacht haben. Gewalt wird es hier nicht geben! Die einzige Schwierigkeit für mich sind die schlimmen Erinnerungen, an die ich manchmal noch erinnert werde. Dabei hilft mir die Therapie sehr.

BL: Wie ist heute sein Verhältnis zu deinen Eltern/ Großeltern? (Den Personen die dir Gewalt angetan haben)
Frau H: Ich habe seit 2,5 Jahren den Kontakt komplett abgebrochen.

BL: Vielen Dank für deine Offenheit und deine Stärke. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Lebensweg.

Aktiv gegen Gewalt an Kindern

 

* Dissoziation = teilweise bis vollständiges Auseinanderfallen von normalerweise zusammenhängenden Funktionen der Wahrnehmung, des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Motorik ( Weiterführend )

Erfahrungsberichte

Ein Klaps hat noch niemandem Geschadet?-Das sehe ich anders.

Tante Vanja ist Sozialassistentin und hat ihren Bachelor in sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Bildung und Erziehung gemacht. Sie berichtet im folgenden über ihre fachliche Sicht auf den berühmten “Klaps” der angeblich nicht schadet.

Aktiv gegen Gewalt an Kindern

Seit einiger Zeit ist das Thema ,, Gewalt- und gewaltfreier Erziehung” wieder in aller Munde.
Leider erst wieder nachdem es von den Medien, Radio und TV, wieder aufgegriffen wurde.
Erst eine Mutter die ihren 9 jährigen Sohn im Internet verkauft. Dann ein Beitrag im Radio.
,, Klaps ja oder nein?” wurde die Frage an die Menschen an den Apparaten gestellt. Und natürlich
musste es so kommen wie es kommen musste. Diese berühmten Sätze wie: ,, Ich habe auch mal eine
gefangen. Mir hat das nicht geschadet.” oder ,, Davon wird man doch nicht gleich gestört!” flogen
mir nur so um die Ohren. Erwachsene Menschen bagatellisieren körperliche Gewalt. Denn nichts anderes
ist es. ,, Klaps!” egal ob leicht oder fest ausgeführt. Es wird die Hand gegen einen anderen Menschen erhoben.
Es wird zu gehauen. Das ist Gewalt. Und oft wird eben genau diese Gewalt nicht als solche gesehen.

Eine Gedankenreise.

Stellt Euch vor Ihr seid noch klein. Ihr entdeckt Eure Welt. Ihr liebt Eure Familie.
Und irgendwann passiert Euch mal ein Missgeschick. Oder Ihr hört nicht sofort auf das
was die Erwachsenen sagen. Nun kommen diese Bezugspersonen und tun Euch weh.
Manche ,, klapsen” oder schlagen leicht/bis fest ins Gesicht. Andere versohlen den Hosenboden.
Je jünger Ihr seid, desto weniger werdet Ihr verstehen was los ist. Ihr werdet bestraft, werdet aber
nicht wissen warum. Ihr wisst nur eins: ein geliebter Mensch hat Euch weh getan. Und das bleibt in
der Kinderseele stecken.

Wer Glück hat ,, fängt” sich danach keine mehr. Wer Pech hat, der lebt in einem Haushalt
indem körperliche Züchtigung als ,, normal” gesehen wird. Aber warum schlagen Erwachsene
Kinder? Nun , viele Erwachsene die körperlich züchtigen sind selbst oft in der Kindheit geschlagen
oder ,, geklapst” worden. Es gehört für sie zur Erziehung dazu. Andere wiederum wissen nicht wie sie
ihre Kinder erziehen sollen, sind überfordert, und hauen dann zu. Damit Ruhe herrscht. Und dann gibt
es noch die Sorte Mensch die keinen Grund brauchen um zu schlagen. Die keine Aggressionskontrolle haben
und sowieso auf alles losgehen was nicht gleich in Deckung gehen kann.

Natürlich gibt es so viele verschiedene Gründe warum Erwachsene schlagen/klapsen/hauen.
Aber keiner dieser Gründe rechtfertigt es einem Kind körperlich und vor allem seelisch weh zu tun.
Wir alle sollten dafür Sorgen dass das Thema ,, Klaps” nicht nur hervorgeholt wird wenn etwas
in den Medien aufkommt. Wir sollten uns immer bewusst sein was ein Schlag zerstören kann.

Ich bitte Euch alle: die Hände sind zum drücken,streicheln, wiegen und umarmen da, nicht um einem anderen
Menschen weh zu tun!

Gegen Gewalt gegen Menschen, ob Kind oder Erwachsene!