Erfahrungsberichte

In der rechten Szene konnte ich Gewalt ausüben, statt sie ab zu bekommen.

Herr W. berichtet, wie er durch die erlebte Gewalt vom Opfer zum Täter wurde. Gewalt ausüben, statt sie einstecken zu müssen. Auch mal der Starke sein. Heute lässt er sich stationär in einer Psychiatrie behandeln.

~Anmerkung: Ilch habe mich entschieden diese Geschichte zu teilen, weil auch das Folgen von selbst erfahrener Gewalt sein können. Dennoch bin ich er Überzeugung, dass jeder Mensch für sein Handeln selbst verantwortlich ist. ~

 

Hallo zusammen, meine Name ist M. und ich bin 40 Jahre alt. Ich bin wohl einer der wenigen Männer, die zugeben in der Kindheit seelische und körperliche Gewalt erlebt zu haben. Das Ergebnis habe ich heute in Form eines derzeitigen Aufenthalts in einer Psychiatrie und zwei Frauen, die in der Vergangenheit unter mir leiden mussten.

Mutter Alkoholikerin

Angefangen hat es, soweit ich mich erinnern kann schon mit sehr jungen Jahren. Meine Eltern trennten sich bereits als ich ca. 5-6 war. Dann fing das Leid schon an. Meine Mutter versank im Alkohol und wir Kinder mussten darunter leiden. Mein Bruder war deutlich jünger als ich und er hat dies alles anfangs nicht so mitbekommen. Leider landete er im Heim. Dafür hat es aber heute geschafft ein gutes Leben zu führen, mit Familie. Meine Mutter war im Dorf bekannt und so war es nie ein Problem mich los zuschicken als Kind. Mit einem Zettel in der Hand, um Bier an der nächsten Tankstelle zu holen. Ja damals ging das so einfach. Die ersten Schläge dauerten nicht viel länger. Die verschiedenen Freunde meiner Mutter mussten alle zeigen was sie für tolle Kerle waren und uns “erziehen”. Leider war ihre Methode meist verbale und zum Teil körperliche Gewalt. So war es auch kein Wunder das ich lernte mich ruhig zu verhalten und jeglichem Ärger aus dem Weg zu gehen. Dies machte sich auch in der Schule bemerkbar. Die Leistungen waren eher unterdurchschnittlich, aber ich mogelt mich so durch. Man gewöhnte sich an das kommen und gehen der Saufkumpane der Mutter und deren Stil meinen Bruder und mich zu “führen”.

Flucht mit 15

Bis 1991 lief es dann so weiter. Dann folgten die schlimmsten 2 Jahre meines Lebens. Meine Mutter lernte tatsächlich einen Typen kennen den sie geheiratet hat. Erst sehr viel später stellte sich heraus, welch ein Ars***** er war. Er war völlig Geld fixiert und brauchte uns nur als Geldmaschine, damit er sein Haus abzahlen konnte. Hier war Gewalt an der Tagesordnung und dieser Mensch hat meinem Bruder und mir gezeigt welche Stellung in der Familie wir haben. Seine 3 Kinder waren seine Engel und wir waren nichts. Es gab nahezu täglich Schläge weil wir nichts richtig machen konnten. Immer und überall waren wir Schuld. Ständig wurden wir erniedrigt. Anfang 1992 mit mittlerweile 15 Jahren reichte es mir dann. Ich habe allen Mut zusammen genommen und bin zu Fuß 30 Kilometer in völlig unbequemen Schuhen gelaufen um zu meinen Großeltern zu fliehen. Erst dann hörten gut 10 Jahre Gewalt auf.

Vom Opfer zum Täter

Die Folgen

Das Ergebnis dieser Zeit waren Essstörungen und ein nicht vorhandenes Selbstbewusstsein. Ich war an ducken und verstecken gewöhnt und habe mich aus allem rausgehalten wo es ging. Freunde hatte ich mir sehr wenige.

Springen wir ein paar Jahre weiter. Mittlerweile 19 Jahre und gewalttätig. In der rechten Szene fühlte man sich wohl und aufgenommen. Man konnte Gewalt ausüben anstatt zu bekommen. Damals war es das größte für mich. Mit 24 hatte ich keinerlei Kontakte mehr zu dieser Szene und ich lernte meine Frau kennen, mit der ich heute 3 Kinder habe. Ich denke man kann sich denken, das diese Ehe bereits seit vielen Jahren geschieden ist und meine 3 Kinder nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Nach der Trennung vor einigen Jahren fing das Dilemma an und ich wurde zudem was ich am meisten gehasst habe. Ein kranker bösartiger Mensch. Ich habe meine Exfrau bedroht und sie versucht mit allen möglichen Mitteln fertig zu machen. Ich erfand Geschichten und war psychisch krank. Die Akte vor Gericht ist mega dick und alles nur meinetwegen.

Gewalt gegen die eigene Freundin

Nun kommt es aber zu der Sache wo ich mich am Schluss noch zu erkläre. 2 neue Partnerinnen in den letzten 4 Jahren, die unter mir leiden mussten. Ich war herrisch, bestimmend und habe Macht ausgeübt. Es kam zu extremer verbaler / seelischer Gewalt und auch körperlich war ich ein Schwein was das betrifft.

Bei der ersten Partnerin blieb es beim festhalten und “drohen”. Diese Beziehung ging nach 2.5 Jahren zu Ende. Aber nicht das ihr nun denkt ich wäre fein raus. Nein ich habe Ihr noch die Schuld für alles gegeben und direkt einen Suizid Versuch gemacht, der Gott sei dank wegen eines morschen Astes nicht erfolgreich war. In der Klinik 2016 stellte man nur Depressionen fest und ich wurde mit Pillen versorgt. Anfang 2017 lernte ich meine zweite Partnerin kennen. Anfangs lief es sehr gut, aber Mitte 2017 (nachdem ich so dämlich war keine Pillen mehr zu nehmen) fing es an. Ich dachte ich hätte mich unter Kontrolle. Dies war aber nicht der Fall. Zerfressen von extremer Eifersucht und Verlust Angst wurde ich ein richtiges Schwein. Ich habe meine ehemalige Partnerin verbal und körperlich fertig gemacht wenn mir was nicht passte. Zu extremen Auswüchsen kam es 2x wo ich ihr weh getan habe. Beim ersten mal verzeihte sie es mir noch. Beim letzten mal nicht mehr. Ich habe ihr wehgetan und das werde ich mir selber niemals verzeihen…….

Es tut mir so leid

Nun sitze ich seit einigen Tagen freiwillig in einer psychiatrischen Klinik und muss mir mit starken Pillen und Therapien darüber klar werden das sowas nicht geht was ich getan habe. Während ich dies hier nieder schreibe gehen mir meine vergangenen Jahre durch den Kopf. Es ist nur ein sehr grober Ausschnitt von dem was ich erleben durfte und selber angestellt habe. Nach vielen Gesprächen mit Therapeuten und Psychiatern ist klar: Es lag an meinen Gewalterfahrungen in der Kindheit. Meine Diagnose: Störung der Impulskontrolle in Zusammenhang mit einer intermittierenden explosiven Störung, Verlustangst und krankhafter Eifersucht. Es bleibt jedem selbst überlassen das im Netz nachzuschauen.

Leider mussten viele Menschen bisher unter mir leiden. Aber ich stehe dazu und lasse mir nun helfen. Meine letzte Lebensgefährtin hatte mich noch angezeigt wegen häuslicher Gewalt. Ich warte noch auf das was da kommt aber ich muss sagen, das ich es nicht anders verdient habe. Ich bereue meine Taten zutiefst und schäme mich dafür. Und gerade sie war eigentlich das Beste was mir in meinem Leben je passiert war. Wenn du das mal eines Tages lesen solltest Oly, es tut mir sehr leid!

Gewalt in der Kindheit ist nicht gutzuheißen! Niemals, egal in welcher Form! Nehmt euren Kids zur Strafe im Zweifel das Handy weg (Das schadet nur eurer Beziehung zu Ihnen) aber packt sie nicht an oder macht sie verbal nieder. Man lernt nicht zu lieben sondern nur das zu zerstören was einen liebt. Man lernt nicht zu vertrauen sondern nur krankhaft eifersüchtig zu sein und zu besitzen.

Ich bin einer von vielen aber will nie wieder ein Täter sein! Bitte verurteilt mich nicht zu hart……..

Erfahrungsberichte

Und es hat mir doch geschadet…

Frau H. – über ihre Erfahrung mit Verbaler und körperlicher Gewalt und wie es ihr geschadet hat.

Wo fange ich an? Wo hör ich auf? Dass dieses Thema nun überhaupt wieder dermaßen aktuell ist, hätte ich nicht gedacht.

Diese Woche wurde auf Facebook gefragt, ob es OK ist, seinen Kindern hin und wieder einen Klaps zu geben. und damit startete die Welle der Empörung nicht nur in der AP-Szene. Auch mich hat es sehr getroffen, zu lesen, wie viele Eltern und Großeltern es völlig in Ordnung finden, die Hand gegen wehrlose Kinder- IHRE Kinder zu erheben. weil sie nicht hören, nicht sputen, ihren eigenen Willen ausleben wollen. Und sie klopfen sich dabei noch gegenseitig auf die Schulter und feiern die Likes, die von Mittätern kommen. Und immer wieder dieser dämliche Spruch: “Mir hat es ja auch nicht geschadet.”
Allein das zeigt den Horizont dieser Menschen und wie sehr ihr inneres Kind damals dadurch gelitten hat. Ich schäme mich dafür, dass es heutzutage noch Menschen gibt, die Gewalt an Kindern völlig normal und berechtigt finden.
Aber zum eigentlichen Thema. BeziehungsweiseLiebe  hat gefragt, wer einen Gastbeitrag dazu verfassen könnte, dass ein Klaps eben doch geschadet hat. Und ich möchte nicht Stillschweigen darüber.

Verbale und Körperliche Gewalt

Als mein Bruder und ich Kinder waren, war Gewalt an der Tagesordnung. Ob es in körperlicher oder mündlicher Form war. Mein Bruder musste mehr leiden, denn ich als Mädchen hatte es leichter bei meinem Vater. Dennoch bin auch ich nicht ohne Klaps davon gekommen.
Das Schlimmste, woran ich mich erinnere, waren Schläge mit seinen Hausschuhen. Nachdem wir irgendetwas getan haben, mussten wir uns auf seine Knie legen und dann die Schläge einstecken. Und sein tägliches Genörgele und Rumgebrülle. Und selbst die “kleinen” Klapse, die ja soviele als harmlos einstufen, habe ich mir gemerkt und sie taten so weh. nicht körperlich, aber seelisch. Das vergeht nicht-nie!
Seit ich schwanger wurde, wusste ich, wir werden es anders machen, denn auch mein Partner hat Gewalt in der Erziehung erlebt. Das wollte ich nie für mein Kind.

Ich möchte ein anderes Leben für mein Kind!

Ich möchte nicht, dass er mit einem Selbstwertgefühl durch die Welt geht, dass quasi gegen null geht.
Ich möchte nicht, dass er zusammenzuckt, wenn ich mich ruckartig bewege.
Ich möchte nicht, dass er abends im Zimmer weint, weil er Angst hat, erwischt zu werden beim Pullern gehen.
Ich möchte nicht, dass er Angst vor mir hat.

Ich will, dass er mir bedingungslos vertraut und mich liebt. Seine Bezugsperson. Sein sicherer Ort. Seine Mama.

Wie könnte ich als Mama ein glückliches Leben führen, mit dem Wissen, dass mein Kind durch meine Hände Leid erfährt?
Wie kannst du als Mama glücklich sein, wenn dein Kind weint, nachdem es “nur” einen Klaps bekommen hat?

Sieh es dir an. Diese zarten kleinen Hände. Dieser kleine Körper. Diese unschuldigen Augen. Wie kannst du nur?

Aktiv gegen Gewalt an Kindern