Erfahrungsberichte

Und es hat mir doch geschadet…

Frau H. – über ihre Erfahrung mit Verbaler und körperlicher Gewalt und wie es ihr geschadet hat.

Wo fange ich an? Wo hör ich auf? Dass dieses Thema nun überhaupt wieder dermaßen aktuell ist, hätte ich nicht gedacht.

Diese Woche wurde auf Facebook gefragt, ob es OK ist, seinen Kindern hin und wieder einen Klaps zu geben. und damit startete die Welle der Empörung nicht nur in der AP-Szene. Auch mich hat es sehr getroffen, zu lesen, wie viele Eltern und Großeltern es völlig in Ordnung finden, die Hand gegen wehrlose Kinder- IHRE Kinder zu erheben. weil sie nicht hören, nicht sputen, ihren eigenen Willen ausleben wollen. Und sie klopfen sich dabei noch gegenseitig auf die Schulter und feiern die Likes, die von Mittätern kommen. Und immer wieder dieser dämliche Spruch: “Mir hat es ja auch nicht geschadet.”
Allein das zeigt den Horizont dieser Menschen und wie sehr ihr inneres Kind damals dadurch gelitten hat. Ich schäme mich dafür, dass es heutzutage noch Menschen gibt, die Gewalt an Kindern völlig normal und berechtigt finden.
Aber zum eigentlichen Thema. BeziehungsweiseLiebe  hat gefragt, wer einen Gastbeitrag dazu verfassen könnte, dass ein Klaps eben doch geschadet hat. Und ich möchte nicht Stillschweigen darüber.

Verbale und Körperliche Gewalt

Als mein Bruder und ich Kinder waren, war Gewalt an der Tagesordnung. Ob es in körperlicher oder mündlicher Form war. Mein Bruder musste mehr leiden, denn ich als Mädchen hatte es leichter bei meinem Vater. Dennoch bin auch ich nicht ohne Klaps davon gekommen.
Das Schlimmste, woran ich mich erinnere, waren Schläge mit seinen Hausschuhen. Nachdem wir irgendetwas getan haben, mussten wir uns auf seine Knie legen und dann die Schläge einstecken. Und sein tägliches Genörgele und Rumgebrülle. Und selbst die “kleinen” Klapse, die ja soviele als harmlos einstufen, habe ich mir gemerkt und sie taten so weh. nicht körperlich, aber seelisch. Das vergeht nicht-nie!
Seit ich schwanger wurde, wusste ich, wir werden es anders machen, denn auch mein Partner hat Gewalt in der Erziehung erlebt. Das wollte ich nie für mein Kind.

Ich möchte ein anderes Leben für mein Kind!

Ich möchte nicht, dass er mit einem Selbstwertgefühl durch die Welt geht, dass quasi gegen null geht.
Ich möchte nicht, dass er zusammenzuckt, wenn ich mich ruckartig bewege.
Ich möchte nicht, dass er abends im Zimmer weint, weil er Angst hat, erwischt zu werden beim Pullern gehen.
Ich möchte nicht, dass er Angst vor mir hat.

Ich will, dass er mir bedingungslos vertraut und mich liebt. Seine Bezugsperson. Sein sicherer Ort. Seine Mama.

Wie könnte ich als Mama ein glückliches Leben führen, mit dem Wissen, dass mein Kind durch meine Hände Leid erfährt?
Wie kannst du als Mama glücklich sein, wenn dein Kind weint, nachdem es “nur” einen Klaps bekommen hat?

Sieh es dir an. Diese zarten kleinen Hände. Dieser kleine Körper. Diese unschuldigen Augen. Wie kannst du nur?

Aktiv gegen Gewalt an Kindern

Gewalt - ...und es hat mir doch geschadet

Aktiv gegen Gewalt an Kindern- Es hat mir doch geschadet.

Der Satz: „Es hat mir ja auch nicht geschadet“, ist wohl einer der häufigsten den ich im Bezug auf Kindererziehung bisher gelesen und gehört habe. Zu meist geht es im Voraus um unfaires, verletzendes oder gewaltvolles Verhalten Kindern gegenüber. Zu letzt wurde diese Diskussion auf Facebook neu angestoßen. Ob ein Klaps ab und an okay ist, war die Frage. Mit Schrecken und Gänsehaut habe ich die Kommentare verfolgt. Nicht nur okay, nein es wurde oft sogar gut geheißen, zum Teil sogar behauptet Kinder betteln quasi darum. Und immer wieder die Aussage: “Mir hat es ja auch nicht geschadet!” – Gewalt an Kindern ist NIEMALS okay. Und es schadet eben doch. Egal ob psychischer oder physischer Natur.

 

Verboten!

Seit 2000 ist, endlich, im BGB Artikel 1631 Absatz 2 gesetzlich geregelt, dass Kinder nicht mit Gewalt erzogen werden dürfen. So steht dort:

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Und trotzdem scheint dies auch heute, 18 Jahre später noch nicht komplett in der Gesellschaft angekommen zu sein. Das zeigt zum Beispiel eine Umfrage des Radio Senders Antenne Bayern. Befragt wurden 2011 Menschen, und rund 48 Prozent waren der Meinung, das ein Klaps in der Erziehung legitim ist. Das ist knapp die Hälfte!

 

Die Zahlen sind erschreckend

Aus dem Jahr 2010 gibt es eine Statistik, welche die Problematik noch deutlicher macht. Laut dieser wachsen lediglich 25-35% aller Kinder komplett oder weitgehend ohne Körperliche Gewalt auf. Auf Psychische Gewalt wird kein Bezug genommen, die Zahlen wären wohl noch erschreckender.

Gewalt an kindern
Hier die Statistik aus dem Jahr 2010 immerhin schon 10 Jahre nach Einführung des Paragraphen 1631 Absatz 2.

Für das Jahr 2016 hat die Polizei zahlen veröffentlicht. Wie viele Kinder nach Paragraf 225 StGB (Misshandlung Schutzbefohlener) misshandelt wurden. Hierbei handelt es sich ausschließlich um die erfassten Fälle. Die Dunkelziffer wird weitaus höher sein.

Gewalt an Kindern
Hier die Statistik der Polizei aus dem Jahr 2016.

 

Handeln statt stumm daneben stehen

Gewalt geht uns alle an. Wenn wir auf der Straße erleben, dass Kinder (oder andere Menschen) Gewalt erfahren, ist es an uns zu handeln. Niemand muss zwingend dazwischen gehen und sich selbst gefährden. Es sollte immer die Situation betrachtet und abgewogen werden. Aber wir können immer die Polizei informieren. Andere Passanten aufmerksam machen um gemeinsam, eventuell schon durch die Aufmerksamkeit der breiten Masse ein unterlassen der Gewalt herbei zu führen.

Wenn wir ahnen das Kinder oder Jugendliche misshandelt werden, können wir uns als Gesprächspartner anbieten oder direkt das Jugendamt einschalten. Wir sind in der Pflicht hinzuschauen. Gewalt an Kindern ist nicht mehr als Erziehungsmaßnahme zulässig. Es ist verboten.

Ich habe mich aufgrund der Situation gefragt, was ich akut tun kann. Um Aufklärung zu leisten. Der Bagatellisierung elterlicher Gewalt entgegen zu wirken. Und habe mich entschieden diese neue Rubrik zu eröffnen. Hier veröffentliche ich anonyme Geschichten, von Menschen die Gewalt jeglicher Art in ihrer Kindheit und Jugend erfahren mussten. Oder auch von Menschen, die durch ihre Arbeit damit in Berühung kommen und aus fachlicher Sicht aufklären wollen. Diese Rubrik soll wach rütteln und aufzeigen, dass der Satz „es hat mir ja auch nicht geschadet“, schlicht nicht stimmt.

Gewalt schadet immer!

Blog
Für ein achtsames Miteinander, gegen Gewalt und deren Bagatellisierung.

 

Ich suche weiterhin Menschen, die bereit sind ihre Geschichte, als Interview oder Fließtext zu erzählen. Bitte meldet euch!

Achtung! -Triggerwarnung. Die Texte unter dieser Rubrik können Betroffene Personen triggern. Bitte entscheidet sehr bewusst ob ihr bereit seid sie zu lesen.

Zu den Berichten: Hier klicken.

 

Hilfe und Ratschläge für Betroffene – Eltern, Kinder, Familienangehörige findet ihr unter :

Elterntelefon – Nummer gegen Kummer: 

0800 111 0 550

 

Kinder und Jugendtelefon:

116 111

 

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen:

0800 166 016

 

Deutscher Kinderschutzbund 

Online Beratung für Jugendliche

 

 

 

 

 

Quellen:

– Antenne Bayern

– Polizei-Beratung.de

– Buch: Kindesmissbrauch von Günther Deegener , Beltz-Verlag 2010