Erfahrungsberichte

Ich habe mich gefühlt wie ein Fehler. Ungewollt und ungeliebt!

Frau F. ist heute selbst Mutter. Ihr Kind ist noch ein Baby und welche Verhaltensmuster aus der eigenen Erziehung so tief verankert sind, dass sie immer wieder “hoch kommen” wird sich noch zeigen. Sie berichtet hier zum ersten Mal öffentlich über die Gewalt in ihrer Kindheit und darüber, wie ungewollt und ungeliebt sie sich deshalb gefühlt hat.

 

BL: Danke für deine Bereitschaft, über deine Erfahrungen zu sprechen. Das ist sicher nicht leicht. Redest/schreibst du heute zum ersten Mal darüber?
 Frau F:Nein, ich habe darüber für mich selbst geschrieben und mit meiner besten Freundin wage darüber geredet und mit meinem Partner.

BL: Fragen die du nicht beantworten kannst oder möchtest darfst du natürlich einfach unkommentiert stehen lassen. Das Interview ab zu brechen steht dir jeder Zeit frei wenn du dich nicht mehr gut fühlst!
In welcher Form hast du in deiner Kindheit Gewalt erfahren?
Frau F.:Verschiedenes, mal war es nur ein Schlag mit der flachen Hand, mal mit der Faust, mal fliegende Gegenstände, oder Strangulation. Allerdings spielte psychische Gewalt auch eine große Rolle.

BL: Wie alt warst du da – und wann war Schluss ?
Frau F.: Ich glaube das erste Mal war ich noch ziemlich jung. Ich erinnere mich aber nicht mehr an ein Alter. Meine Kindheit und Jugend ist weitestgehend ausgelöscht, das Gehirn ist schon faszinierend. Ich denke mit 7 rum müsste es gewesen sein, ich weiß, dass es ein Tag vor meinem eigentlich geplanten Kindergeburtstag war. Schluss war als ich 16 1/2 war.

BL: Woran lag es, dass dann keine Gewalt mehr angewendet wurde, weist du das ?
Frau F.: Ich bin aus meinem Elternhaus ausgezogen.

BL: Wie hast du dich Gefühlt während der gewaltvollen Zeit? Was hatte das unmittelbar für Auswirkungen auf dein Verhalten?
 Frau F: Ich hab mich gefühlt wie ein Fehler, ungewollt, ungeliebt.. ich hab mich immer mehr verschlossen. Ich hab mir die Schuld dafür gegeben. Ich kann nichts richtig machen, ich bin es nicht wert. Sätze die ich mir selber tag täglich jahrelang sagte, weil ich es so einfach auch dachte. Ich würde selber wütend und aggressiv, nicht Anderen gegenüber, aber mir selbst.

BL: Wie ging es in deiner Jugend weiter – was hatten deine Erfahrungen für Folgen?
 Frau F. : Ich habe irgendwie glaube ich, auch wenn sich das komisch anhört, aber dadurch das ich mich als weniger wertvoll oder liebenswert gehalten habe, das auch immer angezogen. Ich wurde gemobbt und vor den Augen meiner Freunde von deren Freunden verprügelt. Und lauter solcher Situationen. Ich habe Depressionen bekommen. Wobei das in ziemlich jungem Alter schon begonnen hat.

BL: Begleiten dich jetzt als Erwachsener noch Probleme, die auf die erlebte Gewalt zurückzuführen sind?
Frau F. : Ja sehr, manchmal wenn ich in einem Konflikt bin werde ich so wütend, dass ich auch unbedingt Gewalt anwenden will. Ich kann mich aber zum Glück gut kontrollieren!

BL: War/Ist aufgrund dieser Folgen eine Therapie nötig ?
 Frau F.:Hatte ich, ob es nur deswegen war kann ich aber nicht genau sagen. Ich habe das nie alles miteinander verknüpft. Obwohl es evtl schon Sinn machen würde, da die psychischen Probleme erst nach den ersten Übergriffen anfingen.

BL: Wenn du Kinder hast, welche Schwierigkeiten hast du im Umgang mit Situationen in denen du selbst als Kind Gewalt erlebt hast?
Frau F.: Bis jetzt noch keine, dafür ist mein Baby noch zu jung.

BL: Wie ist heute sein Verhältnis zu deinen Eltern/ Großeltern? (Den Personen die dir Gewalt angetan haben)
 Frau F. : Manchmal schlechter, manchmal besser. Im Großen und Ganzen gut. Ich muss dazu sagen, dass ich bis heute das nie offen kommuniziert habe wie sehr es mich verletzt hat. Auch wenn es nicht tagtäglich vorkam, manchmal waren Monate dazwischen. Ich denke es tut meinen Eltern leid, ich denke sie wollten das auch nicht. Aber geredet haben wir nie.

BL: Vielen Dank für deine Offenheit und deine Stärke. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Lebensweg.

Folgen von Gewalt in der Kindheit