Erfahrungsberichte

Gewalt und Bloßstellung im Kindergarten in der DDR

Leen von Aufbruch zum Umdenken schreibt über ihre Kindergartenzeit in der DDR. Geprägt von Bloßstellung und psychischer Gewalt. In dem Artikel Auch ein Ost deutsches Kind hat ein Recht auf gewaltfreie Begleitung berichtet sie auf ihrem Blog außerdem davon, wie sie in ihrem Umfeld auch heute noch mit Gewalt in der Erziehung konfrontiert wird. 

 

Gewalt im Kindergarten
www.aufbruch-zum-umdenken.de

Kinderbetreuung in der DDR

Wie haben wir unsere eigene Kindergartenzeit erlebt? Ich habe auch schöne Erinnerungen, aber leider auch sehr einprägsame, die ich heute, mit meinem Wissen, schrecklich finde.

Ich bin 32 Jahre alt und war ein Kind, welches in Ostdeutschland in den Kindergarten ging.

Meine Mama brachte mich mit einem halben Jahr eine Woche in die Krippe, bis ein neues Gesetz kam und Lehrer*innen ihre Kinder doch ein Jahr zuhause lassen durften. Sie sagte mir, dass ich jeden Morgen weinte und sie auch, während sie mit der Schwalbe zur Schule fuhr. Sie höre mich bis vor die Tür schreien. Wir weinten also beide. Eingewöhnt wurde ich, aber leider wohl zu kurz.

Jedenfalls war ich dort eine Woche und dann durfte ich doch noch ein halbes Jahr bei meiner Mama bleiben.

Sie selbst wurde mit 8 Wochen in die Krippe gebracht. Wir reden oft darüber, meine Mama und ich. Ihr könnt euch vorstellen, dass es keine Gespräche der größten Freuden sind.

Im Kindergarten war ich nicht gern.

Nun gut! Ich war also ein Kind, dass die letzten DDR-Jahre im Kindergarten verbrachte mit einer Oma, die selbständig war und von zuhause aus arbeitete. Also war Ich viel bei ihr, wenn ihre Zeit es zuließ. Ich sah ihr zu, wenn sie schneiderte und sortierte Köpfe nach Farben oder brachte mir das zählen bei. Und Ich liebte diese Knöpfe, das Schneidern von ihr und die Menschen, die jeden Tag in ihre Stube kamen. Ich hatte dadurch guten Kontakt zu vielen Menschen im Dorf.

In der Kita war ich nicht gern. Ich habe noch so einige Erinnerungen an diese Zeit. Wie gesagt, es gab auch gute Erinnerungen, aber die schlechten tuen bis heute weh.

Ich erinnere mich auch an die jungen und lieben Kindergärtnerinnen, aber diese waren irgendwie nicht bei mir. Heute weiß ich warum, denn ihre Kinder sind so alt wie ich und sie waren einfach auch in ihren Elternzeiten. Meine Schwester ist jünger als ich und wurde von diesen Frauen begleitet und hat ganz wunderschöne Erinnerungen an ihre Kindergärtnerinnen. Diese sind auch jetzt noch vor Ort tätig und haben das Herz definitiv am rechten Fleck. Es ist jetzt ein richtig schöner Kindergarten.

An mir wurde ein Exempel statuiert

Ich hatte damals leider eine biestige Kindergärtnerin im mittleren Alter. Sie war herrisch und in meiner Erinnerung lachte sie nie. Ich habe mir so oft gewünscht, dass Oma Erika mich abholt und wir zusammen den Tag verbringen. Mittagskind wollte ich immer sein. Meine Oma hat Kinder niemals angeschrien oder war böse zu ihnen. Als ich erwachsen war sagte sie mir: „Man darf Kinder niemals anschreien, denn das verkraften ihre Seelen nicht so gut.“

Zurück zur Kita. Die biestige Frau verpasste mir jedenfalls ein ordentliches Trauma. Ich erinnere mich oft und gut an diese Situation. Ich redete als Kind schon gern und viel und hatte es oft schwer, in den Mittagsschlaf zu finden. Um an mir ein Exempel zu statuieren, musste ich, weil ich redete, in der Mittagsschlafzeit barfuß auf dem Steinboden neben meinem Bett stehen, während mich die gesamte Kindergruppe ansah oder um mich herum einschlief. Diese Situation hat sich in meinen Kopf gebrannt. Aufessen musste ich auch immer, gemaßregelt wurde ich und an eine liebevolle Begleitung erinnere ich mich nicht. Ich bin sehr sensibel und mich vor z.B. anderen vorzuführen oder das Übertreten meiner persönlichen Grenzen zu erzwingen, ist eine Qual für mich. Ich mag es respektvoll und achtsam und das schon als Kind.

Meine Schwester aß als Kind sehr langsam. Sie musste bei einer Kindergärtnerin immer sitzen bleiben, bis sie alles aufgegessen hatte. Ich musste dann an ihr vorbei gehen, um in den Waschraum (ich glaube es war der Waschraum) zu gelangen, während sie allein am Tisch saß und saß und saß, bis ihr Teller leer war (als erzieherische Methode vermute ich mal). Am liebsten hätte ich sie hochgezogen und mitgenommen, doch das traute ich mir nicht. Mein schlechtes Gewissen war aber riesengroß, dass ich meiner kleinen Schwester nicht geholfen habe. Kleine Soldaten und Soldatinnen heranziehen, die massenkonform sind und spuren, wenn z.B. Erwachsene reden, das konnte die DDR.

Ich sage aus eigener Erfahrung – doch es hat geschadet

Aber auch andere Kinder hatten es schwer. Wir hatten ein Kind in der Gruppe, welches im Schlaf seine Ausscheidungen nicht kontrollieren konnte. Statt dieses Kind zu integrieren, wurde es vor der gesamten Gruppe vorgeführt. Es wurde laut vor dem Kind gesagt, dass wenn man in der Mittagszeit nicht ruhig sei, dass man dann neben diesem Kind schlafen musste. Sauber gemacht wurde das Kind in meiner Erinnerung dann auch nicht, sondern erst, wenn wir alle wieder aufstanden. Mir tat das damals schon unendlich leid, aber ich hatte nicht den Mut etwas zu sagen. Niemand wollte mit diesem Kind spielen oder daneben schlafen. Oft hat der Raum dann gerochen, wenn Mittagsschlafzeit war. Das ist einfach nur furchtbar. Die Kindergärtnerinnen haben das Kind als Druckmittel genutzt, damit wir über die Mittagsschlafzeit ruhig waren.

Wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, kullern mir Tränen über die Wangen, weil mir das alles so leid tut. Fütterungen, Bloßstellungen, Maßregelungen, Misshandlungen – Machtausübungen an Kindern – Macht des Gehorsams!

Wenn ich heute Menschen sagen höre „Das hat uns auch nicht geschadet“ oder „Ein Klaps ist kein Schlag.“ oder „Iss auf, so lange du deine Füße unter diesem Tisch hast.“, dann kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es schadet. Es schadet sogar sehr. Mir persönlich hat schon die Bloßstellung gereicht, um emotional angegriffen zu sein und mich mein Leben lang damit herumzuschlagen. Wie muss sich nur dieses arme Kind gefühlt haben, was konsequent misshandelt und gedemütigt wurde?

Wir haben 2018. Es ist mir ein Anliegen, euch davon zu erzählen, denn ich möchte von Herzen, dass unseren Kindern solche Dinge nicht mehr passieren. Das wünsche ich mir wirklich sehr. Jede*r Erwachsene hat die Pflicht unsere Kinder zu schützen! Unsere Gesellschaft hat umgedacht und muss weiter umdenken, damit unsere Kinder gewaltfrei aufwachsen dürfen.

Ein passendes Lied

Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füsse, mit so kleinen Zeh’n.
Darf man nie drauf treten, könn‘ sie sonst nicht geh’n.

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles seh’n.
Darf man nie verbinden, könn’n sie nichts versteh’n.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei.

Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat, hab’n wir schon zuviel.

(Bettina Wegner, 1976, Liedermacherin in der DDR Das Lied findet ihr in diesem Link)

Eure Leen

Danke Mama, dass du dich für mich eingesetzt hast und zu der Kindergärtnerin gegangen bist, nachdem ich es dir erzählt hatte. Danke, dass du dich als „brave DDR-Bürgerin“ getraut hast. Danach war mit dem Bettstehen Schluss. Du hast dich für meine Rechte stark gemacht und das ist bis heute sehr wichtig für mich. Ich hab dich lieb

Erfahrungsberichte

Die Gewalt hörte erst auf, als Sie den Kontakt abbrach- Interview

Frau H. im Interview über ihre Gewalt geprägte Kindheit, ihre Folgen und ihr Mutter sein.

Interview

BL: Danke für deine Bereitschaft, über deine Erfahrungen zu spreche. Das ist sicher nicht leicht. Redest/Schreibst du heute zum ersten Mal darüber?
Frau H: Ich befinde mich nun seit fast 3 Jahren in Therapie, in der dieses Thema immer wieder aufgearbeitet wird. Bisher hab ich allerdings noch nie solch ein Interview dazu beantwortet.

BL: Fragen die du nicht beantworten kannst oder möchtest, darfst du natürlich einfach unkommentiert stehen lassen. Das Interview ab zu brechen, steht dir jeder Zeit frei wenn du dich nicht mehr gut fühlst!
In welcher Form hast du in deiner Kindheit Gewalt erfahren?
Frau H: Ich musste körperliche und seelische Gewalt ertragen.

BL: Wie alt warst du da – und wann war Schluss ?
Frau H: Ich kann mich nicht genau erinnern, wann es angefangen hat. Im Nachhinein denke ich meine Eltern haben mich von Anfang an so behandelt. Angehört hat es erst als ich mit 18 ausgezogen bin und mich selbst versorgen konnte.

BL: Woran lag es, dass dann keine Gewalt mehr angewendet wurde, weist du das ?
Frau H: Ich habe den Kontakt erst eingeschränkt (was aber auch nicht wirklich geholfen hat) und dann nach nochmal 3 Jahren ging ich den Schritt des völligen Kontakt Abbruchs, bis heute.

BL: Wie hast du dich Gefühlt während der Gewalt vollen Zeit? Was hatte das unmittelbar für Auswirkungen auf dein Verhalten?
Frau H : Ich habe mich hilflos und verlassen gefühlt. Das wünsche ich niemanden. Ich war ein sehr zurückhaltendes, schüchternes und verletzliches Mädchen. Ich habe mich so gut wie gar nichts getraut aus Angst etwas falsch zu machen und wieder Gewalt erfahren zu müssen.

BL: Wie ging es in deiner Jugend weiter – was hatten deine Erfahrungen für Folgen?
Frau H: Ich hatte immer noch starke Probleme mich irgendwo einzufügen oder meine Meinung zu sagen. Schüchtern und unterdrückt.

BL: Begleiten dich jetzt als erwachsener noch Probleme, die auf die erlebte Gewalt zurück zu führen sind?
Frau H: Ich habe sehr oft noch Alpträume von dem Geschehenen. Wenn mich etwas triggert dann kann es passieren, dass ich in einer Dissoziation* gefangen bin.

BL: War/Ist aufgrund dieser Folgen eine Therapie nötig ?
Frau H: Ja. Ansonsten wüsste ich nicht, wie ich damit umgehen soll und bin wahnsinnig froh eine sehr verständnisvolle Psychologin zu haben.

BL: Wenn du Kinder hast, welche Schwierigkeiten hast du im Umgang mit Situationen in denen du selbst als Kind Gewalt erlebt hast?
Frau H: Ich mache bei meinen Kindern das komplette Gegenteil von dem, was meine Eltern im Umgang mit mir gemacht haben. Gewalt wird es hier nicht geben! Die einzige Schwierigkeit für mich sind die schlimmen Erinnerungen, an die ich manchmal noch erinnert werde. Dabei hilft mir die Therapie sehr.

BL: Wie ist heute sein Verhältnis zu deinen Eltern/ Großeltern? (Den Personen die dir Gewalt angetan haben)
Frau H: Ich habe seit 2,5 Jahren den Kontakt komplett abgebrochen.

BL: Vielen Dank für deine Offenheit und deine Stärke. Ich wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Lebensweg.

Aktiv gegen Gewalt an Kindern

 

* Dissoziation = teilweise bis vollständiges Auseinanderfallen von normalerweise zusammenhängenden Funktionen der Wahrnehmung, des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Motorik ( Weiterführend )

Erfahrungsberichte

Und es hat mir doch geschadet…

Frau H. – über ihre Erfahrung mit Verbaler und körperlicher Gewalt und wie es ihr geschadet hat.

Wo fange ich an? Wo hör ich auf? Dass dieses Thema nun überhaupt wieder dermaßen aktuell ist, hätte ich nicht gedacht.

Diese Woche wurde auf Facebook gefragt, ob es OK ist, seinen Kindern hin und wieder einen Klaps zu geben. und damit startete die Welle der Empörung nicht nur in der AP-Szene. Auch mich hat es sehr getroffen, zu lesen, wie viele Eltern und Großeltern es völlig in Ordnung finden, die Hand gegen wehrlose Kinder- IHRE Kinder zu erheben. weil sie nicht hören, nicht sputen, ihren eigenen Willen ausleben wollen. Und sie klopfen sich dabei noch gegenseitig auf die Schulter und feiern die Likes, die von Mittätern kommen. Und immer wieder dieser dämliche Spruch: “Mir hat es ja auch nicht geschadet.”
Allein das zeigt den Horizont dieser Menschen und wie sehr ihr inneres Kind damals dadurch gelitten hat. Ich schäme mich dafür, dass es heutzutage noch Menschen gibt, die Gewalt an Kindern völlig normal und berechtigt finden.
Aber zum eigentlichen Thema. BeziehungsweiseLiebe  hat gefragt, wer einen Gastbeitrag dazu verfassen könnte, dass ein Klaps eben doch geschadet hat. Und ich möchte nicht Stillschweigen darüber.

Verbale und Körperliche Gewalt

Als mein Bruder und ich Kinder waren, war Gewalt an der Tagesordnung. Ob es in körperlicher oder mündlicher Form war. Mein Bruder musste mehr leiden, denn ich als Mädchen hatte es leichter bei meinem Vater. Dennoch bin auch ich nicht ohne Klaps davon gekommen.
Das Schlimmste, woran ich mich erinnere, waren Schläge mit seinen Hausschuhen. Nachdem wir irgendetwas getan haben, mussten wir uns auf seine Knie legen und dann die Schläge einstecken. Und sein tägliches Genörgele und Rumgebrülle. Und selbst die “kleinen” Klapse, die ja soviele als harmlos einstufen, habe ich mir gemerkt und sie taten so weh. nicht körperlich, aber seelisch. Das vergeht nicht-nie!
Seit ich schwanger wurde, wusste ich, wir werden es anders machen, denn auch mein Partner hat Gewalt in der Erziehung erlebt. Das wollte ich nie für mein Kind.

Ich möchte ein anderes Leben für mein Kind!

Ich möchte nicht, dass er mit einem Selbstwertgefühl durch die Welt geht, dass quasi gegen null geht.
Ich möchte nicht, dass er zusammenzuckt, wenn ich mich ruckartig bewege.
Ich möchte nicht, dass er abends im Zimmer weint, weil er Angst hat, erwischt zu werden beim Pullern gehen.
Ich möchte nicht, dass er Angst vor mir hat.

Ich will, dass er mir bedingungslos vertraut und mich liebt. Seine Bezugsperson. Sein sicherer Ort. Seine Mama.

Wie könnte ich als Mama ein glückliches Leben führen, mit dem Wissen, dass mein Kind durch meine Hände Leid erfährt?
Wie kannst du als Mama glücklich sein, wenn dein Kind weint, nachdem es “nur” einen Klaps bekommen hat?

Sieh es dir an. Diese zarten kleinen Hände. Dieser kleine Körper. Diese unschuldigen Augen. Wie kannst du nur?

Aktiv gegen Gewalt an Kindern