Unser Sternchen Paul – Die Geschichte einer Fehlgeburt

Luise hat sich auf meinen Aufruf hin bereit erklärt, einen Artikel über ihre Fehlgeburt zu verfassen.
Sie und ihr Mann verloren ihr erstes Kind, Paul, in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft und wurden davon hart getroffen, wenn gleich eine vage Vorahnung da war.
Ein einfühlsamer Artikel darüber, wie ein solcher Verlust die Welt Kopf stehen lässt und dass es trotz allem Hoffnung gibt, eine solche Erfahrung nicht wieder machen zu müssen. 

Unser Sternchen namens Paul + 22.07.2015

So lange ich denken kann, wollte ich Mama werden und eine eigene Familie haben. Im September 2011 lernte ich meinen Mann Tobias kennen. Knapp ein halbes Jahr später zogen wir in unsere erste gemeinsame Wohnung, in der wir auch heute noch glücklich und bald zu viert wohnen. Ich wollte ihn quasi vom ersten Moment an heiraten, nur stand ich damit erstmal alleine da. Er wollte dies nämlich eigentlich niemals tun. Aber man sollte ja nie ;nie‘ sagen. Und so bekam ich 2014 auf Jamaika meinen Heiratsantrag. Ein Jahr später, am 23.05.2015 war es dann so weit. An unserem glücklichsten Tag gaben wir uns im Kreise der Familien und Freunde das Jawort. 3 Tage später ging es in die Flitterwochen auf die Malediven. Das wir ein Kind haben wollen stand da schon fest, die Pille hatte ich Ende April bereits abgesetzt.

Wir verbrachten eine wundervolle Zeit und brachten unser ganz persönliches kleines Souvenir mit. Es hätte alles so perfekt sein können und doch hatte das Schicksal etwas anderes für uns vorgesehen.

Fehlgeburten, schmerzhaft, leider recht häufig und trotzdem noch immer ein Tabuthema. Luise bricht das Schweigen.

Glücksgefühle und böse Ahnungen

Wir waren überglücklich als ich am 23.06., nach einigen Momenten der Vorahnung, den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Aber mit dem Glück kamen auch die Sorgen und Ängste. Und irgendwie war da von Anfang an eine Stimme, die mir sagte, dass so eine Fehlgeburt auch uns treffen könnte. Am 25.06. wurde dann vom Gynäkologen die Schwangerschaft per Ultraschall festgestellt. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, wie glücklich einen so eine kleine Blase machen kann.

Ich ging vorerst weiterhin auf Arbeit (Krankenschwester), quälte mich mit Übelkeit und Müdigkeit, war aber trotzdem wohl einer der glücklichsten Menschen auf diesem Planeten. Zumal das ja eigentlich alles gute Zeichen für eine intakte Schwangerschaft waren, aber ein bestimmtes Maß an Angst und diese leise Stimme blieb. Wir nannten unseren Wurm ,Pfirsich‘ und fieberten dem nächsten Ultraschall entgegen. Bis dahin cremte mein Mann liebevoll jeden Abend meinen Bauch ein.

Anzeichen – oder normal in einer Schwangerschaft?

Doch dann hatte ich eine Schmierblutung. Am nächsten Tag durfte ich direkt zum Arzt kommen. Ich hatte so Angst, dass es das jetzt war, dass der Traum vom Baby vorbei ist. Doch beim Ultraschall war alles in Ordnung, das Herzchen schlug bereits und auch sonst waren keine Auffälligkeiten zu sehen. Mein Gynäkologe sprach mir Mut zu, meinte so etwas passiert sehr oft, ich solle versuchen mir nicht all zu viele Sorgen zu machen und schickte mich mit einem Krankenschein nach Hause.

Und da war ich nun. Plagte mich täglich mit Übelkeit und Erbrechen und entspannte mich tatsächlich von Tag zu Tag ein kleines bisschen mehr. Ich hatte keine Blutung mehr und versuchte mich so gut es ging abzulenken. Doch diese kleine Stimme blieb: ,Luise, sowas kann auch dir passieren!‘

Zwölf Tage nach dem letzten Ultraschall, am 22.07.2015, hatte ich wieder meinen regulären Kontrolltermin. Ich war guter Dinge, die Übelkeit war zwar seit 3, 4 Tagen weg, aber ich versuchte mir zu sagen, dass das nichts zu bedeuten hat. Ansonsten ging es mir ja super. Mein Mann hatte sich extra frei genommen, um mich zum Arzt begleiten zu können. Wir saßen im Wartezimmer und freuten uns gleich unseren kleinen Pfirsich sehen zu können.

Er schallte und sagte die ganze Zeit nichts

Und dann waren wir endlich dran, kurzer Smalltalk mit dem Doc, rauf auf den Stuhl und der Ultraschall begann. Im Prinzip sah ich es gleich, es pumperte da nichts, ich sah keinen Herzschlag mehr. Mein Arzt schallte und schallte und schallte und sagte die ganze Zeit nichts. Ich hielt die Hand meines Mannes und hoffte, dass ich mich irrte, dass doch alles stimmte. Und dann kam dieser unbarmherzige Satz: ,Es tut mir leid, aber da ist kein Herzschlag mehr.‘

Vom restlichen Gespräch weiß ich nicht mehr viel. Ich bin auch heute noch mehr als froh darüber, dass mein Mann bei mir war. Ich stand unter Schock und wusste überhaupt nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. Als es dann um das Thema Ausschabung ging, wusste ich nicht weiter. Ich wusste nicht in welches Krankenhaus ich gehen wollte, noch sonst irgendetwas. Mein Gyn schickte uns dann erst einmal nach Hause. Er sagte, ich solle mich einfach am nächsten Tag melden, wenn ich soweit war. Doch kann man dafür überhaupt bereit sein? Der Plan war doch ein ganz anderer.

Wir fuhren dann zu meiner besten Freundin, ich konnte nur noch weinen und fragte mich: ,Warum? Warum gerade unser Flitterwochenbaby? Warum gerade wir?‘ Ich fühlte mich taub und hilflos und war einfach nur am Boden zerstört. Wir hatten unser Baby verloren. Das Herzchen hatte ca. 3-4 Tage vor dem Kontrolltermin aufgehört zu schlagen.

Trauer nach frühem Abort - vor der 12,. Schwangerschaftswoche

Entscheidung für eine Abortcurettage

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht rief ich in der Praxis meines Frauenarztes an.Ich wollte nun einfach alles nur noch hinter mich bringen. Wir holten die Überweisung ins Krankenhaus ab. Ich hatte mich für ,mein‘ Krankenhaus entschieden. Mein Mann nahm sich kurzer Hand Urlaub und konnte mich begleiten. Als mir mein erster Kollege über den Weg lief, fing ich einfach wieder an zu weinen. Es war so unfair. Die Ärztin im Krankenhaus machte nochmals ein Kontrollultraschall, unser Baby lag ganz ruhig und friedlich da in meinem Bauch. Es war kein Herzschlag mehr da, aber irgendwie war dieser Anblick so friedvoll, dass ich auf einmal so eine innere Ruhe verspürte und mich tatsächlich für den Moment etwas entspannte. Und trotzdem war es einer der schwersten Tage in meinem Leben. Durch meine Arbeit auf der Intensivstation kannte ich alle Kollegen, die mich nun betreuten und ich wusste, dass ich in guten Händen bin. Als mein Mann sich verabschieden musste, küsste er noch einmal meinen Bauch und sagte ,Tschüss‘ zu seinem Kind. Und das tat ich auch. Die Ausschabung verlief reibungslos und ich konnte rasch nach Hause. Ich fühlte mich ruhig, aber innerlich so unendlich leer. Als wäre da ein Loch in meinem Bauch.

Weiter leben, obwohl doch etwas fehlt

Die nächsten Wochen waren schwer für mich. Ich hatte einige Hochs und Tiefs, ließ es manchmal auch an meinem Mann aus. Jede Schwangere, die ich sah, ließ diesen Schmerz wieder aufflackern. Ich hörte mir ständig solche Sprüche an wie: ,Jetzt weißt du wenigstens, dass du schwanger werden kannst.‘ Oder: ,Ja so früh kann das ja passieren, dass ist ja nicht das Ende der Welt.‘ Aber sowas will keine Frau hören, die gerade ihr Baby verloren hat, wirklich keinem ist damit geholfen! Und Trost spendet es auch niemanden. Doch trotzdem tat es mir unheimlich gut, daraus kein Geheimnis zu machen. Ich bin von Anfang an offen und ehrlich damit umgegangen und würde das wohl auch immer wieder so tun. Auch wenn ich nicht immer auf Verständnis für meine Trauer stieß.

Neue Hoffnungen Schöpfen – wir wollen noch ein Baby

Nach 3 Monaten fühlt ich mich bereit für einen neuen Anlauf und es schlug direkt beim ersten Versuch ein. Ja, mit dem Schwanger werden an sich hatten wir niemals Probleme. Und irgendwie gab es diesmal diese eine Stimme nicht, diese Stimme, die mir bei unserem ersten Kind immer sagte, dass eine Fehlgeburt auch uns passieren könnte. Diesmal sagte die Stimme eher: ,Es geht alles gut, der große Bruder im Himmel passt auf seine kleine Schwester auf!‘ (Ich war immer der Meinung, dass das erste Baby ein Junge geworden wäre und bei Lilly wusste ich irgendwie von Anfang an, dass es ein Mädchen ist!) Ein Rest Angst vor einer weiteren Fehlgeburt, blieb allerdings und dieses Warten im Wartezimmer bei meinem Gyn war am Anfang jedes Mal eine reine Qual. Aber die innere Stimme behielt auch diesmal Recht! Es ging alles gut, ich konnte eine wundervolle Schwangerschaft genießen und am 22.07.2016 hielten wir nach einer relativ kurzen Geburt unsere kleine Lilly in den Armen. Auf den Tag genau 1 Jahr nach diesem unbarmherzigen Satz. Als mir dies auffiel, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Lilly hat somit den allerbesten Schutzengel, den man haben kann und meine zwei ersten Kinder gehören unwiderruflich zusammen.

Fehlgeburten – Schweigen hilft nicht beim Verarbeiten, ich wünsche jedem einen Platz zum Trauern

Das Thema ,Fehlgeburt‘ wird in unserer Gesellschaft leider genauso tabuisiert, wie Geburt und Tod und doch gehört dies zum Leben dazu. Ich finde es furchtbar, dass sich Betroffene eines solchen Schicksalsschlags häufig total alleine gelassen und unverstanden fühlen. Niemand kann verstehen, warum man einen ,Zellhaufen‘ betrauert. Aber es ist eben nicht nur ein solcher Haufen. Es ist ziemlich schnell ein richtiges kleines Menschlein mit einem schlagenden Herzen, was für immer und ewig einen Platz im Herzen der werdenden Eltern erobert. Man ist vom Moment des positiven Test an eine werdende Mama, wenn nicht sogar schon mit Absetzen der Pille. Und doch gibt es nur wenig Raum für diese Trauer in unserer Gesellschaft.

Für uns allerdings gab es genau so einen Raum, einen Platz an dem ich mein Sternchen jeder Zeit besuchen gehen kann, es wurde ihm ein Grab gegeben. Das Krankenhaus, in dem wir die Ausschabung machen ließen, sammelt all diese kleinen still geborenen Menschlein. Sie werden einmal im Jahr zusammen von einem Bestattungsunternehmen kremiert und dann beerdigt. Zu dieser Beerdigung sind alle betroffenen Eltern eingeladen, es fand ein Trauergottesdienst statt, wir brachten die Urne alle zusammen zu dem Grab für diese still geborenen Kinder und setzten sie bei. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon im 7. Monat mit Lilly schwanger. Es war also schon einige Zeit vergangen und trotzdem war es ein Schlussstrich für mich, ein Abschließen mit der Trauer. Und die Gewiss immer einen Ort zu haben, an den man gehen kann, wenn einem danach ist. Bis zum heutigen Tag war ich nicht einmal da, aber der Gedanken an dieses Grab gibt mir ein Stück inneren Frieden. Und ich finde es toll, dass dieses Projekt einen Raum für Eltern zum Trauern schafft. Das Grab pflegen die Schwestern der Geburtsstation.

Paul, unser Sternchen hat immer einen Platz in unseren Herzen.

Mittlerweile bin ich mit unserem dritten Wunder schwanger, Lilly wird Anfang Dezember große Schwester. Dann habe ich 3 Kinder im Herzen und zwei an der Hand. Auch diesmal sagte die innere Stimme, dass alles gut gehen wird. Und auch wenn die ersten 12. Schwangerschaftswochen äußerst turbulent waren, inkl. Schmierblutung in der 10. Woche, die meinen Kopf kurzzeitig ganz schön aus der Bahn warf, blieb ich immer positiv eingestellt. Seit der 12. SSW ist alles gut, es gab keine Komplikationen mehr und mittlerweile turnt der kleine Wurm schon gut spürbar im Bauch herum. Ich genieße meine Schwangerschaft in vollen Zügen und freu mich riesig, dass wir bald zu viert sein werden.

Ich wünsche mir, dass allen von einer Fehlgeburt betroffenen Eltern Raum zum Trauern gegeben wird und dieses Thema nicht mehr länger ein Tabu in unserer Gesellschaft ist. Habt Verständnis dafür, dass jeder anders damit umgeht, wir sind alle verschieden und das ist auch gut so.

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