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Familie

Wissenswertes rund um die Eingewöhnung

Jeden Sommer ploppt das Thema aufs Neue auf. Jeden Sommer ist es wieder in den Köpfen der Eltern, deren Kindern gerade bei Tagemutter, Krippe oder im Kindergarten starten. Die Rede ist von der Eingewöhnung.
Die Meisten kennen Geschichten von : ” mein Kind hat mich schon am ersten Tag nicht mehr gebraucht” bis hin zu “nach 5 Wochen haben wir dann abgebrochen, weil es einfach nicht ging”.
Aber was ist eine einfache oder eine schwere Eingewöhnung?
Für wen ist diese eigentlich gedacht- wirklich nur für die Kinder?
Wie lange dauert so eine Eingewöhnung und wann betrachte ich sie aus gescheitert?

Die Eingewöhnung

Als Eingewöhnung bezeichnet man die Zeit, in der das Kind, noch in einer Art “Sonderstellung” an eine neue Einrichtung und Bezugsperson gewöhnt wird. Hierbei gelten in der Einrichtung zwar grundsätzlich für alle Kinder die selben Regeln, aber das neue Kind, wird noch durch einen Elternteil begleitet und ist meist noch für eine kürzere Zeitspanne vor Ort.
Für die Eingewöhnung gibt es verschiedene Modelle: das Berliner und das Münchener Modell.

Das Berliner Modell orientiert sich an der Bindungstheorie von Bowlby und das Kind “entscheidet” maßgeblich mit, wie lange die Eingewöhnung dauert. Das Modell geht davon aus, dass sicher gebundene Kinder länger brauchen (2-3 Wochen), als unsicher gebundene (1-1,5 Wochen). Grundsätzlich verstehe ich den Gedanken hinter dieser Aussage, bin aber absolut kein Freund von Pauschalisierungen. Das Berliner Modell sieht eine erste Trennung nach drei Tagen vor und ist damit auf einen schnelleren Ablauf aufgerichtet.

Das Münchener Modell beruht auf den Ergebnissen eines Wissenschaftlichen Projekts von Prof. Beller. Auch hier entscheidet das Kind aktiv mit und gewöhnt sich im Beisein einer Elterlichen Bezugsperson an die Einrichtung und die neue betreuende Bezugsperson. Das Münchener Modell ist vom Ablauf her langsamer – der Elternteil bleibt mit dem Kind mindestens 2 Wochen gemeinsam (mit erst mehr, dann weniger körperlicher Nähe) in der Einrichtung. Erst dann erfolgt eine Trennung, die durch einen klaren Abschied eingeleitet wird.

Ich finde es gut, die beiden Modelle als “Richtlinien” im Hinterkopf zu haben. Allerdings bevorzuge ich ein individuelles Vorgehen, bei welchem das Kind  mit seinen Belangen und Bedürfnissen im Fokus steht. Da wir, wie auch unsere Kinder alles individuell sind, braucht es auch immer eine individuelle Eingewöhnung.

Eingewöhnung in den Kindergarten

Eingewöhnung – warum überhaupt?

Die Eingewöhnung spielt bei der Einführung einer außerfamiliären Betreuung eine große Rolle. Verschiedene Studien haben aufgezeigt, wie wichtig sie ist und das sogar schon in den 80er Jahren. So sind Kinder, die nicht gut eingewöhnt wurden im ersten Kita Jahr bis zu vier mal länger krank als andere. Außerdem zeigen sie ein ängstlicheres Verhalten in der Einrichtung, was dazu führt, dass sie weniger Möglichkeiten nutzen können. Weiter kann eine mangelnde Eingewöhnung zu Bindungsirritationen und einer verzögerten Entwicklung führen. Und auch massive “Rückfälle” sind möglich. So möchte ein Kind unter Umständen plötzlich nach 4 Monaten nicht mehr in die Einrichtung bzw. allein dort bleiben.

Unabhängig von Wissenschaftlichen Erkenntnissen ist es für ein Kind nur fair, wenn es nicht plötzlich in einer völlig fremden Situation allein gelassen wird. Mit der Sicherheit, die Eltern im Hintergrund zu haben, kann es seine Flügel langsam ausstrecken und sich an die neue Situation und Bezugsperson sowie Spielkameraden gewöhnen.

Aber auch für uns Eltern ist die Eingewöhnung sinnvoll. Wir lernen eine Trennung (neu) kennen. Und bauen Vertrauen zu den Betreuenden Personen auf. Unser Kind kann nur mit der Gewissheit in die Einrichtung gehen, dort gut aufgehoben zu sein, wenn auch wir diese Gewissheit haben. Kinder spüren elterliche Unsicherheit. Und wenn wir uns nicht lösen können, ist die Warscheinlichkeit hoch, dass unser Kind sich nicht lösen wird.

Ablauf einer Eingewöhnung

Wenn wir mit unserem Kind in die Betreuungseinrichtung kommen, geht es erstmal darum, alles kennen zu lernen. Da ist so viel neues. Das alles sollte mit der Sicherheit einer elterlichen Bezugsperson aufgenommen werden können.
Die Räumlichkeiten, die anderen Kinder und natürlich die betreuende(n) Person(en).
Wenn das alles nicht mehr ganz fremd und neu ist, geht es darum, dass das Kind eine Beziehung zu seiner (neuen) Bezugsperson in der Einrichtung aufbaut. Damit dies gelingt, sollten die beiden sich sympathisch sein und von der Bezugsperson genug Zeit eingeplant werden, um sich auf das neue Kind ein zu lassen.
Wichtig ist, auch wenn das schwer fällt zu akzeptieren : nicht WIR müssen die Bezugsperson besonders mögen, sondern unser Kind.
Außerdem müssen wir als Eltern uns etwas zurück nehmen.
Die betreuende Bezugsperson soll im Laufe der Eingewöhnung immer mehr die elterliche Rolle des Vertrauten übernehmen. Wenn wir immer der erste Ansprechpartner für das Kind sind, intervenieren oder trösten sobald es nötig wird, hat die betreuende Person keine Chance, diese Tätigkeiten zu übernehmen und so die Beziehung zu stärken.

Es gibt Kinder, die sehr fixiert auf die Mutter sind und solange diese anwesend ist, niemand anderen etwas machen lassen. Hier kann es hilfreich sein, wenn die Eingewöhnung durch den Vater übernommen wird.
Alternativ kann auch eine recht zeitnahe räumliche Trennung (nicht, bevor das Kind kein Vertrauen zu betreuenden Person hat) in so einer Situation hilfreich sein. Allerdings sollte man hier dann binnen wenigen Sekunden wieder zur Verfügung stehen, falls nötig. 

Unser Kind wird sich mehr und mehr von der betreuenden Bezugsperson helfen und trösten lassen. Es wird sich von uns lösen und sich in eine andere Obhut begeben, derer es sich sicher ist. Und es wird sich mehr und mehr in die Gruppe integrieren.
Dieser Ablauf ist je nach Kind unterschiedlich schnell.
Wir können die Trennungen langsam immer weiter verlängern und beim wieder zusammen kommen, den Tag in der Betreuung auch beenden. Stress und Anspannung abbauen  und Nähespeicher wieder auffüllen.

Eingewöhnung

Bindung ist wie ein Gummiband

Babys sind sehr auf ihre Eltern fixiert. Das ist richtig und wichtig, denn diese (Ver-)Bindung ist für Babys überlebensnotwendig.
Je älter unsere Kinder werden, desto selbstständiger werden sie, und desto mehr entfernen sie sich von uns.
Wenn wir uns die Bindung wie ein Gummiband vorstellen, was uns und unser Kind zusammenhält, dann kann sich unser Kind wenn es sicher gebunden ist auf die Stabilität dieses Bandes verlassen. Es kann sich darauf verlassen immer wieder zu uns zurück kommen zu können.

Entdeckt unser Kind nun auf eigene Faus die Welt, dehnt es das Gummiband etwas, bevor es sich dann wieder zusammenzieht.
Das fängt ganz banal damit an, dass eine Meter von uns weg gekrabbelt wird, bevor wieder eine Kuscheleinheit fällig ist. Und steigert sich immer weiter.
Auch während der Eingewöhnung werden wir diese Beobachtung machen: unser Kind entfernt sich von uns, kehrt zurück und entfernt sich wieder, beim nächsten mal vielleicht schon etwas länger, oder weiter.
Unsere Aufgabe bei der Eingewöhnung ist es, das Bindungs-Gummiband immer weiter zu dehnen ohne es dabei über zu strapazieren und so eventuell zu beschädigen.

Tränen und Trauer

Herzzerreißend.
Ein anderes Wort fällt mir nicht dafür ein, wenn Kinder beim Abschied von der Mutter/dem Vater weinen.
Und trotzdem ist es ok.

Was hier dringend unterschieden werden muss, ist eine verzweifelte Trennungsangst, bei der das Kind sich Hilfe suchend an den Elternteil klammert und offensichtliche Angst hat.
Und einem Weinen aus einem Abschiedsschmerz heraus.

Bei ersterem wäre eine Trennung in dieser Situation eine klare Überlastung des Bindungs-Gummis.
Bei letzterem ist es eine Emotion, die durchaus sein darf uns ausgelebt werden darf.

Wenn gleich es uns als Eltern im Herzen weh tut, unser Kind weinen zu sehen, so ist dies bei einem Abschied eine durchaus legitime Reaktion. Hier ist es an der Bezugsperson in der Einrichtung, zu trösten, Verständnis zu zeigen und da zu sein.
Ist eine ausreichend gute Beziehung zu der betreuenden Person vorhanden, lässt sich das Kind trösten und es gibt weiter keine Probleme.
Sollte dies nicht der Fall sein, müssen wir Eltern bei einem Anruf zeitnah wieder vor Ort sein und unser Kind übernehmen und trösen.

Unterbrechungen und Neustarts

Manchmal finden wir uns in einer festgefahrenen Situation wieder.
Unsere Kinder möchten nicht mehr in die Betreuung gehen, nicht mehr dort bleiben oder schnell wieder nach Hause. Eventuell äußert sich die Problematik auch viel subtiler durch häufige Erkrankungen, Bauchschmerzen oder ähnliches.
Manchmal hat man aber auch einfach den Eindruck, dass das Kind müde und ausgelaugt ist.
Dann ist es sicher an der Zeit ein Stück zurück zu rudern.
Mal eine kleine – oder auch größere Pause ein zu legen.
Je nach Problematik kann dass “nur” ein verlängertes Wochenende sein. Etwas mehr Exklusivzeit oder auch eine kleine Auszeit zur Mitte der Woche.
Aber es kann auch sein, dass mal 3-4 Wochen Pause sinnvoll sind und man die Eingwöhnung lieber noch mal langsam und in Ruhe von vorn startet.
Je nach Gemüt des Kindes können schon vermeintliche Kleinigkeiten den Ablauf der Eingewöhnung stören und ich finde es wichtig, darauf Rücksicht zu nehmen – letztlich auch deshalb, damit man weis, dass sein Kind sich in seiner Betreuungseinrichtung wohlfühlt. Denn das ist es doch, was wir alle wollen.

 

Abbruch der Eingewöhnung

Manchmal ist es so und wir merken erst während der Eingewöhnung, dass die Einrichtung nicht zu uns oder viel mehr unserem Kind passt. Das es sich nicht wohl fühlt, nicht ankommt und keine Beziehung zur Bezugsperson aufbauen kann. Wenn auch ein Wechsel der Bezugsperson nicht hilft oder nicht möglich ist und wir sicher reflektiert haben, dass nicht etwa wir mit einem “Fehlverhalten” wie einer unterschwelligen Ablehnung den Ausschlag für das Verhalten unseres Kindes geben, ist es an der Zeit die Entscheidung für (diese) Betreuung zu überdenken.

Leichter gesagt als getan.
Betreuungsplätze sind rar und viele vom uns sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder anderweitig betreut werden, damit sie wieder arbeiten gehen können.
Dennoch finde ich, sollte jeder gut darüber nachdenken, ob diese Problematik zu Lasten der Kinder gelöst wird. Auch wen es erst aussichtslos erscheint, gibt es oft doch die Chance die Einrichtung zu wechseln und/oder grade bei jüngeren Kindern eventuell noch von Krippe auf Tagesmutter um zu stellen (zum Beispiel). Denn wir alle wollen nur das Beste für unsere Kinder und das sollten wir bei allem finanziellen Druck nicht vergessen.
Es gibt fast immer eine Lösung.

Eingewöhnung – für Kind und Eltern

Egal wann und wie lange wir unser Kind in einer Betreuungseinrichtung eingewöhnen, wir sollten uns darüber bewusst sein, dass dies eine wichtige Sache für unsere Kinder ist, um in der neuen Situation gut an zu kommen und sich ein zu finden.
Aber es ist nicht zu letzt auch eine wichtige Sache für uns Eltern, damit wir Vertrauen fassen können und wissen wie unsere Kinder betreut werden. Sie eben in sicheren Händen wissen, wo wir sie guten Gewissens abgeben können.
Wir sollten immer genug Zeit für die Eingewöhnung einplanen, denn unter Zeitdruck verläuft eine Eingewöhnung selten für alle Beteiligten zufriedenstellend.
Genug Zeit bedeutet, dass jeder 8 Wochen “in petto” haben sollte, besser mehr. Wenn es dann doch schneller geht, dann ist das schön – aber auch hier kann es wieder zu Rückschritten kommen und daher ist ein ausreichend großer “Puffer” wirklich wichtig. Denn dies einfach ein großer und wichtiger Schritt im Leben dieser kleinen Menschen.
Auch drei Jährige brauchen übrigens “noch” eine Eingewöhnung. Wir sollten in vielerlei Hinsicht weg kommen, von dem Gedanken, dass ein Kind “schon” xy alt ist. Denn meist ist es ERST xy alt.
Und auch ein Kind, was vorher schon betreut wurde, braucht bei dem Wechsel der Einrichtung wieder eine neue Eingewöhnung, denn es ist eine neue Umgebung, neue Menschen, eine neue Situation an die es sich gewöhnen muss.


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Viele Infos zur Eingewöhnung finden sich auch im Artgerecht-Kleinkinder Buch von Nicola Schmidt.

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